Ihr Name ist Holga und wir werden eine Lebensabschnittspartnerschaft eingehen.

meiner verehrten Mitbewohnerin, Kommilitonin und Internet-Genossin Nicole erzählend, wie ich im zweiten Semester ein Fotografie-Seminar mit vierstündiger praktischer Übung belegte und es sehr großartig war, Filme selbst zu entwickeln und Abzüge zu machen, nur dass unser Dozent etwas selbstgefällig und rechthaberisch und überhaupt ein Arschloch war, der jene unentspannte Art der Professionalität auszustrahlen sich Mühe gab, die Menschen unsympathisch macht, und der uns zum Beispiel nach unseren Referaten zu von uns selbst ausgewählten Fotografen unverhohlen mitteilte, welche davon er selbst schätzte, und es war nicht schwer zu erkennen, dass er vor allem Wert legte auf handwerkliche Perfektion (Helmut Newton, Jan Saudek, Henri Cartier-Bresson und was Studenten sich noch so als Referatsthema aussuchen, wurden sehr goutiert) und zog auf Das-kann-ja-jeder-Niveau über William Eggleston her und sagte, mein Referat über Wolfgang Tillmans sei sehr gelungen, an Tillmans selbst aber höchstens seine Art, die Bilder zu hängen interessant, die Bilder selbst nur Durchschnitt, und wie unser Dozent dann über Lomografie herzog,

meinte Nicole plötzlich, sie habe ebenfalls eine von der lomografischen Gesellschaft vertriebene Kamera, es handelt sich dabei um eine Holga, wir probierten sie aus, sie war nicht sichtbar beschädigt und der Verschluss tat, was ein Verschluss tut, und das ist immerhin eine möglicherweise mehrheitsfähige Minimalanforderung an eine Kamera; neue Batterien zeigten, dass der vierfarbige (jaha!) Blitz nicht funktionierte, aber es gab etwas Besseres, eine dem Holga-Starter-Kit beiliegende Liebeserklärung in Buchform, „The World Through A Plastic Lens“ mit ein paar hundert Beispielbildern, Erklärungen, Tipps und, ich sagte es schon: Liebe

„the holga is so lo-fi, so dirty, so plastic, so beautiful!“ (gravityroom)

„it shows me what the world should look like.“ (moominsean)

„it melts in a hot car“ (goldhammer)

ich hielt es, da ich wie gesagt nicht vollkommen unwissend bin, wie analoge Fotografie rein von der technischen Seite her funktioniert und weil ich einen naturwissenschaftlichen Geist habe, für möglich, mit dieser Kamera Bilder zu machen (außerdem lernt man aus Versuch und Irrtum, und man kann sich umfassend im Internet belesen, zum Beispiel erklärt diese Seite alles mit einem sehr angenehmen Humor („Die Rückwand sorgt dafür, dass der Film nicht dauernd raus fällt. Diese Aufgabe meistert sie souverän. Natürlich sollte sie auch das Licht vom Film fernhalten. Mehr oder weniger gelingt ihr auch dies… eigentlich eher mehr weniger.“) aus dennoch erschütternd professioneller Sicht) und fühlte mich von einer angenehmen Euforie getragen, die mit wachsendem Schlafentzug wuchs, es wurde langsam hell, Nicole war im Bett, Filme fand ich keine, ich ergoogelte die Öffnungszeiten der nächsten Drogerien, Hildesheim verfügt hauptsächlich über Drogerien, die pro Tag weniger als 12 Stunden geöffnet haben, die zwei Fotoläden sind noch alberner, aber es trug mich bis weit über die Öffnung des Rossmann hinaus und verknipste (absichtlich dieses Wort, weil besagter Fotografie-Dozent es nicht ausstehen kann) zwei Filme, ich musste zum Filmherausnehmen zweimal wieder zurück in unser mit einem Pullover abgedunkeltes Badezimmer, um man muss den Film in völliger Dunkelheit manuell in die Spule zurückdrehen, dann brachte ich die Filme zum etwas weiter entfernten dm, wo Entwickeln etwas schneller und billiger geht als bei Rossmann, und fiel selig ins Bett und dann Pause, es dauert immer alles so ewig

nach ein paar Tagen holte ich die Fotos ab, in diesen potthässlichen mit „Flammende Ruhe“ beschriebenen Fotoumschlägen mit dieser Tulpe drauf, es war ganz amüsant, zu sehen, was die Automaten gemacht hatten mit diesen jeweils 6 Zentimeter breiten absichtlich belichteten Bereichen innerhalb dieses Films, auf den an allen Ecken und Enden irgendwie Licht gefallen ist, irgendwie hoffte ich darauf, dass die Automaten schlau genug sind, zu erkennen, dass sie nicht schlau genug sind, um damit umzugehen, und Hilfe rufen, stattdessen haben sie wie ein Mensch gehandelt und sich für schlauer gehalten, als sie sind, und zum Teil Bilder zerschnitten

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die Abzüge sind denn auch recht erratisch und bilden immer nur einen 3*4,5 Zentimeter großen Bereich der Negative ab, meistens liegt er in den Bereichen, die als Bilder gemeint waren, manchmal gibt es Überschneidungen, die in einigen Fällen sehr surreale Dopplungen ergeben (die Omma!)

Holga006

Man muss betonen, dass es schon ein Wunder ist, dass überhaupt auf diese Weise Fotos entstehen, auf denen Menschen und Dinge zu sehen sind, Fotografie war zumindest in meinem Gefühl immer eine höchst sensible Sache, und wenn man etwas falsch macht, ist alles vorbei, Film schwarz und Ende, diese Kamera nun macht wirklich alles falsch und meine eigenen Flüchtigkeitsfehler kommen noch dazu, die erwähnten Automaten machen den größten aller Fehler, mit dem Film umzugehen wie mit jedem anderen, und tatsächlich ist Fotografie eine höchst sensible Sache, und jeder einzelne dieser über ein Dutzend Fehler hinterlässt seine Spuren, und es ist tatsächlich relativ frustrierend, denn ich hatte auch einige coole Motive und coole Ideen, die überhaupt gar nichts geworden sind, trotz allem aber kommt ein Ergebnis dabei heraus, und was herauskommt, tröstet sehr gut darüber hinweg, dass so vieles nichts wird (Erfahrungswert: Je mehr ich mit einem Foto will, desto miserabler das Ergebnis, und je weniger ich mit einem Foto will und je mehr ich mich dem Drang hingebe, einfach mal hier oder da draufzuhalten und zu knipsen, oder einfach mal was auszuprobieren, desto faszinierender ist das Ergebnis und auf jeden Fall: desto großartiger ist der Moment, wenn man die Fotos das erste Mal sieht)

Holga001
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vier großartige Fotos auf zwei Filmen ist sogar ein guter Schnitt, und wenn man bedenkt, dass das immer noch nur die Möchtegern-Abzüge aus den Automaten in diesem Fotolabor sind, wo der dm in der Schuhstraße in Hildesheim Filme entwickeln und Fotos abziehen lässt, und dass die meisten Negative durchaus noch darüber hinaus brauchbar sind und sich daraus noch weit Interessanteres machen lässt (bei den Negativen oben sieht man, dass sie über den üblichen Bereich hinaus auch auf den durchlöcherten Seitenstreifen belichtet sind, was relativ aufsehenerregende Abzüge ermöglicht), so hat allein dieser erste Probe-Streifzug wahrscheinlich mehr gebracht, als hätte ich mit einer zeitgemäßeren Kamera Fotos gemacht, die gar nicht mehr anders als perfekt werden können bei dem, was die Kameras einem alles abnehmen können

Holga und ich, Webcam-Foto

bei aller Liebe zum Kontrolle-Abgeben, die zerschnittenen Negative tun dann doch zu weh, die folgenden Filme habe ich dann doch in einem der Fotoläden abgegeben und ihnen eingeschärft, die Negative überhaupt gar nicht in Streifen zu schneiden, weil die Bilder sich gänzlich überlappen und jeder Schnitt ein Schnitt durchs Bild wäre, das hat dann auch geklappt, aber es dauert wie gesagt alles ewig, ich habe in diesem Moment noch nur die entwickelten Negative, Abzüge sind aus den genannten Gründen schwierig und damit teuer, und wenn es nicht irgendwas gibt, wofür ich die weiter verwerte, werde ich mir nur für mich wohl vielleicht zwei, drei Abzüge pro Film gönnen, ich muss sehen, wie man dem Labor genau mitteilen kann, welchen Abschnitt man abgezogen haben will, Schwarz-Weiß-Bilder kann ich auch in dem Fotolabor der Uni selbst abziehen, das ist ideal, verschlingt aber noch mehr Geld und erst recht Zeit, ich habe Ausschnitte aus den Negativen eingescannt, damit ihr euch einen Eindruck davon machen könnt, wovon ich rede, und die Scanns invertiert und mit GIMP derart bearbeitet, dass man in etwa sieht, wie die hinterher als Bilder aussähen, Farbfilm-Langzeitbelichtungen des Hildesheimer Hauptbahnhofs von der Brücke, von der man den schönsten Blick auf ihn hat, bei tiefster Nacht, Mit der Bulk-Einstellung, die neuere Holgas haben, ein paar Sekunden bis zwei Minuten habe ich den Auslöser heruntergedrückt, es war kalt, ich war noch übernächtigter als beim ersten Mal, es war großartig, dann ein Schwarz-Weiß-Film bei einem Streifzug durch die Stadt, fremde Menschen zu fotografieren, fühlt sich übrigens mehr nach Raubzug als nach Streifzug an, macht viel Spaß

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weiterer Erfahrungswert, wenn man schon so Bilder macht, muss man es auch durchziehen, die Bahnhofsbilder sind gnadenlos, ein 36-Bilder-Farbfilm auf einen Ruck auf dieser Brücke verschossen, aus Langeweile alles Mögliche ausprobiert, mir den Arsch abgefroren, hin- und hergerannt, um unterschiedliche Perpektiven übereinander zu bekommen, den Auslöser heruntergedrückt, bis der Zeigefinger so wehtat, dass es nicht mehr ging, und dann den Mittelfinger genommen, und dann den Daumen, und die Bilder sind wirklich so, dass ich selbst gespannt bin, wie sie aussehen können – dagegen die Stadtfotos sind größtenteils relativ beliebig, weil man sich das einfach nicht traut, in der Stadt herumzufotografieren und fremde Menschen zu fotografieren (die, streng genommen, ein Recht am eigenen Bild haben, ich darf Fotos von ihnen ohne ihre ausdrückliche Einverständniserklärung gar nicht veröffentlichen) und angeguckt zu werden wie ein Geisteskranker, die nötige Chuzpe muss man sich erarbeiten, der nächste film ist in der Hinsicht deutlich besser, und es ist sogar endlich ein Mittelformatfilm, wie die Holga ihn eigentlich braucht, so abwegig das auch ist, extrem teure und professionelle Mittelformat-Filme in so ein Spielzeug wie die Holga zu stecken, Film, Entwicklung und Abzug sind auf jeden Fall teurer als die Kamera selbst, es ist purer Wahnsinn, so soll es sein, zuerst wurde ich aber beim Hausverlassen von den Nachbarskindern aufgehalten

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streng genommen darf man die Bilder von Kindern nicht nur nicht veröffentlichen, man darf sie ohne schriftliche Erlaubnis der Eltern nicht mal fotografieren, streng genommen habe ich sie aber auch nicht fotografiert, sondern ihnen nur meine Kamera gegeben, damit sie sich gegenseitig fotografieren, worum sie mich auch ausdrücklich gebeten haben, was allerdings bedeutet, dass das Copyright für diese Bilder streng genommen gar nicht bei mir liegt, wobei ich nicht weiß, ob Kinder überhaupt Copyright-Inhaber sein können oder ob von Kindern gemachte Fotos überhaupt auch nur theoretisch die geistige Höhe erreichen können, die für Copyright-Überlegungen Voraussetzung ist, und ob ich nicht zumindest ein Mit-Recht habe, weil ich die Entfernung schätze und die Bilder halbwegs (genau ist bei der Holga eh nichts) scharfstellte und den Film nach jedem Foto weiterdrehte, zu allem Überfluss ist unten auf der Regenrinne mit Stencils ein Goldfisch gesprayt, der betreffende Streetartist, der das tat, hat also ebenfalls berechtigtest Interesse an den Fotos, ich weiß allerdings nicht, ob Abbildungen von Goldfischen auf Regenrinnen bereits als dreidimensionales Werk gelten, dann wäre eine zweidimensionale Fotografie davon ein eigenständiges Werk, oder noch als zweidimensional, dann ist eine zweidimensionale Fotografie davon nur eine Kopie und verstößt gegen das Copyright, obwohl der Streetartist sein Werk nicht unterschrieben hat und auch sonst nicht sehr viel Interesse daran zeigt, dass sein Recht gewahrt wird, sonst ließe er seine Werke ja nicht unbeaufsichtigt auf der Straße herumstehen, eine Fülle von Unwägbarkeiten also, die diesen harmlosen Fotos am Rattenschwanz mit sich herumtragen, in meinem Verständnis Unwägbarkeiten, die nur einmal mehr beweisen, dass das Urheberrecht gänzlich auf Fehlannahmen und schrulligen Vorstellungen von kreativen Entstehungsprozessen beruht, aber das nur nebenbei, ich bin dann weiter durch die Stadt gezogen und habe Menschen fotografiert, diesmal deutlcih offensiver, und ich bin deutlich näher an sie herangegangen und die Bilder sind deutlich interessanter geworden als beim Kleinbild-Schwarz-Weiß-Film

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und dann war der Film zu Ende, aber bei Mittelformatfilmen merkt man das von außen so schlecht, wenn ein Film zu Ende ist, ich habe noch einmal etwa ebenso viele Bilder ins Leere hinein geschossen, es fühlt sich an wie: Aha, auch diesen Fehler habe ich also gemacht, kann ich abhaken, schön, ich hoffe, in Zukunft noch einige weitere Fehler abhaken zu können, ich berichte dann vielleicht hier davon

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Über Weiszklee

Bekennender Möchtegernliterat
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2 Antworten zu Ihr Name ist Holga und wir werden eine Lebensabschnittspartnerschaft eingehen.

  1. Horst schreibt:

    Klaus, du Held, dem meine Liebe gilt.

  2. Litteratur schreibt:

    Ich habe den Text mit einem großen Staunen gelesen…Ein sehr interessanter Beitrag und mit wirklich tollen Bildresultaten. Gerade die Sache mit der Fehlbelichtung oder Doppelbelichtung ist wirklich lustig. Aber auch dieses „Kontrolle abgeben“ und sich überraschen lassen, klingt reizvoll.

    Ich bin aber der Meinung, dass man auch in der digitalen Welt interessante Spielereien und Möglichkeiten des „Kontrollverlustes“ hat. An Spiegelreflexkameras kann man lauter verrückte Sachen befestigen. Uralte Objektive anschrauben oder einfach nur ein Loch und daraus eine Lochkamera machen. Der Kreativität sind dort keine Grenzen gesetzt…

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