Der Vegetarismus und ich

Wo anfangen. Vielleicht hier und jetzt. Ich habe Fleisch im Kühlschrank. Bio-Kochschinken aus dem Penny. Das ist gut so. Meistens kaufe ich Fleisch nach kurz nachdem ich das letzte aufgegessen habe. Das kann dauern. Viel Fleisch esse ich nicht. Wenn ich einen Durchschnitt schätzen müsste, wahrscheinlich zweimal pro Woche oder so, einmal weil ich unterwegs schnell und reichhaltig essen muss und mir einen Döner kaufe, einmal weil es mich zu Hause überkommt, zum Beispiel, meistens nachts, und ich weiß, dass ich noch etwas im Kühlschrank habe. Wahrscheinlich würden Ernährungsberater mir zu diesem Schnitt gratulieren, auf jeden Fall wirkt er sich gut auf meinen Geldbeutel aus, weil Fleisch halt doch teuer ist, wenn man sich wie ich einbildet, dass Bio-Fleisch erstens besser schmeckt und zweitens weniger Tierquälerei verursacht. Sowohl Ernährungsberater als auch geizige Geldbeutel würden allerdings die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn sie wüssten, dass ich mich hauptsächlich von Fertiggerichten und Süßigkeiten ernähre (und von den vegetarischen Mittagessen, die es am kulturwissenschaftlichen Außensitz der Uni immer gibt, weil schätzungsweise drei Viertel der KuWis Vegetarier sind), also darum geht es mir gar nicht dabei.

Ich hoffe, das genügt Einstieg der größtmöglichen Unaufgeregtheit. Ich finde es so albern, sich aufzuregen über das Fleischessen oder sich aufzuregen über das Kein-Fleisch-Essen oder sich aufzuregen über Leute, die sich über das Fleischessen aufregen oder sich aufzuregen über Leute, die sich über das Kein-Fleisch-Essen aufregen. Stumpfender vs. Spitzender.

Mein Prof war neulich (letztes Jahr irgendwann, glaube ich) erstaunt, als er mich im Restaurant Leber bestellen hörte, er habe immer gedacht, ich sei Vegetarier, sagte er. Ich bin derart alltäglich von Vegetariern und Nicht-Vegetariern umgeben, dass ich mir nicht die Mühe mache, zu versuchen, zu erkennen, wer was ist, aber wahrscheinlich würde ich tatsächlich wunderbar ins vegetarische Klischee passen, falls ich kein falsches Klischee davon im Kopf habe: Viel zu dünn und untrainiert, lange (seit diesem Jahr halblange) Haare, mit der gesamten Existenz in den Sumpf von „Kunst und Kultur“ gefallen, nicht wirklich eine Stimmungskanone, betont nicht-mainstreamiger Geschmack, … Ein bisschen wundert es mich selbst, dass ich kein Vegetarier bin und auch nie war, obwohl ich als Kind auf dem Bauernhof das Schlachten nie sehr angenehm fand, aber ich glaube, das lag einfach daran, dass es mit körperlicher Anstrengung und mit Langeweile und mit Drecksarbeit zu tun hatte. Ich hasste das Kaninchenausnehmen nicht mehr als das Gartenumgraben. Heute bin ich vielleicht etwas froh, zu wissen, dass ich das alles kann, positive Auswirkungen auf die Persönlichkeitsbildung kann ich aber nicht darin entdecken, dass man mich zwang, im Garten zu arbeiten, wenn ich lieber im Zimmer gelegen und gelesen hätte. Don’t let the Ökofreaks tell you anything. Aber darum geht es hier gar nicht, wo war ich.

Wahrscheinlich würde es kaum einen Unterschied machen, wenn ich heute entschiede, Vegetarier zu werden, ich sagte ja oben schon, dass ich kaum Fleisch esse, und das bisschen (ein bisschen ist mehr als ein Bissen, weil es kleingeschrieben ist, hihi, Sprachnerd-Scherz am Rande) ließe sich auch in Tofuwürstchen zu sich nehmen (Tofu schmeckt nicht schlecht, obwohl er natürlich nie an Bio-Kochschinken herankommt). Ich respektiere die moralischen Überlegungen von Vegetariern und zumindest diejenigen, die ich kenne, sind in der Mehrzahl freundliche Menschen, mit denen ich mich gut verstehe. Niemand würde plötzlich blöd gucken, wenn ich mich entschiede, Vegetarier zu werden, und es gibt zweifelsohne moralische Argumente, die dafür sprechen, keine Tiere mehr zu töten, wenn unsere Kultur so weit fortgeschritten ist, dass wir ein komfortables Leben führen können, auch wenn wir darauf verzichten.

Trotzdem: Ich kann nicht. Es geht nicht. Ich würde mich fühlen wie krank und in alte Muster zurückfallend. Die Kirche hat mir lang genug Schuldgefühle wegen meiner Körperfunktionen eingeredet, das lasse ich nicht mehr mit mir machen. Ich esse gern Fleisch und es tut meinem Körper gut, und dass Menschen Tiere töten, ist nicht barbarisch. Ich will ja nicht, dass wir in den Wald rennen und mit Steinen auf Rehe schmeißen, bis wir eins erwischen, das wir dann mit unseren Zähnen zerteilen (das wäre nur in irgendwelchen albernen Robinson-Crusoe-Szenarien nötig), so wenig wie ich will, dass wir neben die Straßenbäume kacken und mit fetttriefenden Haaren herumlaufen. Ich will nur dagegen argumentieren, Fleischessen (oder halt Defäkation und die natürlichen Schutzmechanismen unserer Kopfhaut in den anderen Beispielen) zu verteufeln, nur weil sie nicht in unser skurriles und abwegiges Menschenbild passen, das nicht mehr als eine kranke Modeerscheinung und gleichzeitig nicht frei von mittelalterlichen Vorstellungen über die Schlechtigkeit des menschlichen Körpers und seiner Bedürfnisse und seiner Gelüste und seiner Begrenztheit und Unvollkommenheit ist.

Ich will nicht behaupten, von diesem Denken frei zu sein (und indem ich oben schreibe, ich habe mich lieber zwischen die Bücher verzogen als körperlich zu arbeiten, gebe ich zu, wie weit ich von Kindheit an in diesen überkultivierten Mustern stecke, auch das ist halt etwas, das wie das Fleischessen zu mir gehört und gegen das ich nicht versuchen sollte, mich mit Gewalt zu wehren.) Ich weiß gar nicht, was ich will außer dem üblichen „Bewusstheit schaffen“-Bla. Doch, ich weiß, was ich will: Es mal aufgeschrieben haben, was zu umfangreich ist, um es in Gesprächen anzubringen, ohne missverstanden zu werden. Und: Mal wieder gebloggt haben. Der Mensch soll sich nicht wehren gegen sein natürliches Bedürfnis, Tagebuch zu schreiben und sich vorzustellen, was passiert, wenn Menschen das lesen.

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Über Weiszklee

Bekennender Möchtegernliterat
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10 Antworten zu Der Vegetarismus und ich

  1. Ninette schreibt:

    Den letzte Satz werde ich meiner Freundin, die mich immer wieder fragt, warum ich blogge und die Meinung vertritt, wer nichts exorbitant Außergwöhnlich zu schreiben habe, könne es auch bleiben lasse, mit Schmackes unter die Nase reiben.

    Zum Thema ist nicht viel zu sagen, als, ja, seh ich auch so. Ich lebe zwar komplett vegetarisch, aber das war auch lange anders, inklusive eines lustigen Wechsel im Verhalten von Fleisch zu Veggie zu Fleisch zu Veggie.

    Das Faszinierendeste ist stets, dass Mensche im Alltag glauben, als Vegetarier sei man stets auf Mission. Ich fände das viel zu anstregend. Im Grunde geht’s nur um zivilisiertes Essverhalten und die Erkenntnis, dass mensch einfach nicht so viel Fleisch braucht, wie Otto Normalverbraucher futtert. Im Grundsystem ist es in uns verankert, wenig und damit ausreichend Fleisch für unseren Bedarf zu essen, die Massenverbrauchsgesellschaft hat lediglich den Fokus verschoben. (Das ist meine abenteurliche Theorie.)

    • Weiszklee schreibt:

      Das ist so abenteuerlich nicht, der durchschnittliche europäer oder Amerikaner ist viel zu viel Fleisch, da war die „gute alte Zeit“ halt ausnahmsweise tatsächlcih besser, als Fleisch ein knappes Gut und die Ausnahme und ein Festessen war.

  2. kchkchkch schreibt:

    Hm. Ein Blick ins Supermarktsortiment vermittelt mir nicht unbedingt den Eindruck, dass der Verzehr von Tieren in unserer Kultur als „skurril und abwegig“ gilt.

  3. Schwellkopf Matsch schreibt:

    Diese Verankerung des Fleischessens in den eigenen Charakter verschiebt doch einfach den Vorwurf dahin, wo man aus Rücksicht nicht mehr angreifen darf.
    Moralische Fragestellungen sollte man eigentlich frei von „Das gehört zu meiner Selbstentfaltung“ beantworten können – Kätzchen verprügeln ist immernoch doof, wenn es Teil einer gewollt unästhetischen Entfaltung ist.
    Und es geht (mir, einem ungesund ernährten Veganer zumindest) nicht nur darum, etwas unästhetisches auszuradieren, sondern um die vergleichsweise moderne Fragestellung, ob auch Tiere ein Recht haben, nicht auf diese Weise der (von mir aus als Selbstentfaltung verstandene) Bedürfnisbefriedigung des Menschen zum Opfer zu fallen.

  4. Pingback: Daily Race. « Ninette Halbbluthobbit

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