Der Erste Song

Was mein Erster Song gewesen sei, wurde ich vor ein paar Wochen gefragt, mit einem großen E, wie die Frage nach einem allgemein geläufigen Topos klang das, wie eine Freundebuch-Standardfrage, ein Offline-Mem, ein unverfängliches Thema, um peinliche Gesprächspausen im Restaurant zu überbrücken, und wie ein implizites Versprechen, mehr über das Wesen des Gegnübers zu erfahren, Vertrautheit herzustellen. Was ist der Erste Song, den ihr je hörtet, den ihr bewusst wahrgenommen habt?

Ich wusste wie immer in solchen Situationen nichts recht zu antworten. Meine Jugend war erschreckend musiklos, sagte ich wohl, das stimmt auch, jahrelang machte ich mir selbst nie Musik an, manchmal Klassik, ohne etwas davon zu verstehen, aus einer seltsamen möchtegern-hochkulturellen Distinktion heraus. Erst mit 18 oder so fing ich an, die Bob-Dylan-Alben meines Vaters durchzuhören, bis dahin waren mir die oft im Ohr gewesen (Wie aller möglicher anderer Kram, der in Haushalten dieser Generation so läuft), aber nur als Hintergrunduntermalung. Von da an ging es dann erstaunlich schnell bis zu dem verrückten Zeug, das ich heute höre.

Als Kind hörte ich eine Tonbandkassette mit Kinderliedern (die, wie ich später erschrocken feststellte, nur eine Sammlung von Zeichentrickfilm-Intros war) in Endlosschleife und eine Kassette meiner Mutter mit Songs aus den 60ern, oder waren es 80er? Und waren die vom Radio aufgenommen oder war das eine gekaufte Kompilation? Ich weiß nicht einen einzigen Titel, ich weiß nicht mal, ob ich einen der Songs wiedererkennen könnte, wenn ich zufällig einen hörte, obwohl zwei oder drei mich extrem begeisterten und ich andere weiterspulte, um sie nicht zu hören. Den einen Song konnte ich so sehr nicht leiden, dass ich ihn mit der für Kinder üblichen Sturheit permanent weiterspulte, wann immer ich die Kassette hörte, worunter die Tonbandqualität litt, und genau an der gleichen Stelle auf der anderen Kassettenseite war der beste Song überhaupt – es war verstörend, als ich den nicht mehr ohne Angst vor Bandsalat hören konnte. Kulturgenuss als Kulturzerstörung, one of the deepest and most disturbing concepts in my world.

Als Ersten Song möchte ich aber einen anderen bezeichnen, auch wenn ich wirklich nicht genau sagen kann, ob die hier zu behandelnden Ereignisse tatsächlich vor oder erst nach der Phase mit der 60er- oder 80er-Kassette passierte: Meine Mutter schneidet mir die Haare in der Küche, im Wohnzimmer nebenan läuft der Song im Fernsehen, ich renne ins Wohnzimmer, um den zu hören und sehe zum ersten Mal das Video mit dieser gold angemalten Frau. Oder: Ich sitze im Wohnzimmer und bin von dem Song begeistert und meine Mutter ruft mich in die Küche, weil sie mir die Haare schneiden will. Oder: Ich hörte den Song schon öfter und einmal auch beim Haareschneiden und meine Mutter stört sich daran, dass ich seinetwegen nicht still sitze. Oder so ähnlich. Oder ich vermische zwei verwandte Erinnerungen zu einer. Auf jeden Fall begeisterte mich der Song, und weil er erheblich beliebt war, kam es seinerzeit immer wieder vor, dass ich Ausschnitte davon hörte oder zu hören meinte, und auch in der Zwischenzeit bis heute hörte ich ihn immer wieder irgendwo, in ganz unregelmäßigen Abständen. Vor gut zwei Jahren merkte ich mir einmal den Namen und fand ich ihn damit sehr leicht im Internet (ich bin erst seit gut drei Jahren im Internet unterwegs) und war recht erschüttert von der Vermischung von Erinnerung an kindliche Begeisterung und aktueller Wahrnehmung.

Zombie von den Cranberries kam 1994 raus (In dem Jahr kam auch meine kleine Schwester raus, höhö) und blieb wie gesagt viele Wochen lang überpräsent. Ich muss ihn also mit 6 oder 7 gehört haben, das entschuldigt vielleicht, dass ich gar nichts davon wirklich wahrnahm. Also, die harten Klänge bemerkte ich wahrscheinlich ziemlich gut, die waren eine Seltenheit in unserem Haushalt, das Äußerste, was sonst an Rock’n’Roll bei uns passierte, war, dass meine Mutter mit mir zu Dirty Dancing tanzte, den sie ständig zum Bügeln schaute. Und ich erinnere mich an meine Eindrücke von der gold angemalten Frau, und ich muss wohl auch diese merkwürdig verfremdete christliche Symbolik in diesen Szenen wahrgenommen haben, ohne sie freilich in einen Zusammenhang setzen zu könne, ich merkte nur: Irgend etwas war daran verkehrt. Also, es ist klar, dass ich die politischen Hintergründe aus dem Video nicht verstand, aber diese unschuldige Begeisterung für die abgehobene, unwirkliche Ästhetik dieser Einstellungen mit der goldenen Frau und den Kindern erstaunt mich doch von der heutigen Perspektive aus. Ich weiß nicht, ob es an der schamlosen Verzerrung christlicher Symbolik lag, jedenfalls sah es meine Mutter, glaube ich, nicht so gern, dass ich den Song mochte, heute ist sie in der Richtung (wie in allen anderen auch) entspannter.

Sie unterhielt sich einmal mit einer Freundin in meinem Beisein über den Song. Die brachte sich viele Jahre später um, sie soll viel Falco gehört haben, erzählt meine Muttert immer, wenn im Radio Falco läuft. Diese Freundin sagte etwas wie: Ja, die seien sehr interessant und der aktuelle Song natürlich ein wichtiges Statement, das Video aber in der Tat ein bisschen übertrieben. Wie eine überdrehte musikjournalistische Aussage klang das, ich weiß nicht, ob sie wegen meiner Mutter so vorsichtig war oder immer so klang, ich erinnere mich sonst kaum an sie. Meine Mutter erzählte mal, der Mann dieser Freundin habe sie einmal, als sie schon mehrere Selbstmordversuche hinter sich hatte, Auto fahren lassen, mit ihren beiden Kindern im Auto drin, und dass sie das unverantwortlich gefunden habe, die hätte ja nur einmal das Lenkrad rumreißen müssen und das entgegenkommende Auto auch noch mit ins Unglück gerissen, das ja auch hätte voll besetzt sein können, fast zehn Menschen hätten da noch zusätzlich sterben können. Das ist die stärkste Erinnerung, die ich mit dieser Freundin meiner Mutter verbinde. Ich weiß nicht, wann sie dann gestorben ist (ohne jemand anderen mitzureißen, nur ihr Mann und ihre Kinder haben ein ziemlich zerrüttetes Leben seitdem), auf dem Friedhof auf ihrem Grabstein steht es, ich könnte nachsehen, wenn ich wieder im Brandenburgischen bin.

Genug der Abschweifung. Meine Mutter antwortete ihr damals jedenfalls, „er hier“ (und dabei zeigte sie auf mich) sei ganz unverständlich begeistert von dem Lied, aber das liege nur an dem Video. Ich weiß noch, irgendwie traf mich das ziemlich, als so oberflächlich und so leicht beeindruckbar hingestellt worden zu sein, und ich meine auch, noch zu wissen, dass ich mich daraufhin anstrengte, auch die Musik gut zu finden oder mich zu erinnern, dass ich auch die Musik von Anfang an gut fand. Es ist eine ziemlich komplizierte Sache, ich kann den Knoten nicht aufdröseln, in dem Geschmacksurteil, Erinnerung, Selbstzensur, Verklärung der Vergangenheit, aktuelle Wahrnehmung und von außen okroyierte Meinungen sich hier gegenseitig beeinflussen. Aber ich kann diese punktuelle Verdichtung als solche wahrnehmen, und das macht diesen Song für mich unbestreitbar zu meinem Ersten Song.

Wer das liest, mag vielleicht selbst nachdenken, was sein Erster Song war, oder bei passender Gelegenheit seine Mitmenschen fragen, was deren Erster Song war. Ich habe es als aufschlussreiche, die Gesprächspartner verbindende und Gesprächsthemen produzierende Frage erlebt.

Werbeanzeigen

Über Weiszklee

Bekennender Möchtegernliterat
Dieser Beitrag wurde unter Erinnerungsarbeit, Kritzeleien, Rezeptionserfahrungen abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Der Erste Song

  1. Martin Hofstetter schreibt:

    Ein sehr schöner Eintrag.

  2. Isabel schreibt:

    Meine ersten Songs mit 4- 5 Jahren waren diese von Georges Brassenses und Gilbert Becaud, Yves Montand und die der Dreigroschenoper, Sidney Bechet und Co. und Edith Piaf. All das, und noch viel mehr bei meiner bügelnden Mutter, die ich wunderschön und wild fand und die Geheimnisse der weiten Welt zu kennen schien, die ich selbst jedoch noch nicht verstand….
    Mir gefiel immer: „Und das Schiff mit 8 Seegeln und mit 50 Kanonen wird entschwinden mit mir….“ Worunter ich mir unter Kanonen absolut gar nichts vorstellen konnte ausser den Seegeln und das Schaukeln des Schiffes im Wind… und ich las später mit 13 das Buch , ich spucke gegen den Wind, einer Göre, die auf See ging. Ich wollte eine Weile Seemännin werden……Kannst Du Dir etwa vorstellen, wie viele Jährchen ich unterdessen schon Ostereier suche?

  3. Magnificent site. A lot of helpful info here.
    I’m sending it to several buddies ans also sharing in delicious. And obviously, thank you in your effort!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s