Open Mike 2010

Freitag nach Berlin gefahren, um mit Ulrike Draesner über meine Gedichte zu reden. Die Draesner ist eine coole Sau, mit scharfem Blick dafür, wo an Gedichten weiterzuarbeiten ist. Darum soll es hier aber gar nicht gehen. Es traf sich, dass genau an diesem Wochenende auch der Open Mike stattfand und ich in einem Zug mit Nicole saß, die mir das Versprechen abnahm, sie dort zu treffen. Ich schreibe einfach mal einen Blogeintrag darüber, erstens muss ich das doch irgendwann mal hinkriegen mit dem einigermaßen regelmäßigen Bloggen, zweitens vertreibe ich mir so die Zeit der Heimfahrt und die über einer Stunde Wartezeit am Hauptbahnhof.

(An dieser Stelle kein Aufregen darüber, dass um 18.33 und 19.37 Uhr der ICE nach Hildesheim fährt und ich natürlich 18.35 am HBF war. Kein Aufregen darüber, dass ich 80 Cent für die Benutzung eines stinkenden Klos ohne Klobrille bezahlt habe. Kein Aufregen darüber, dass der HBF so umständlich angelegt ist, dass man zwei Kilometer Fußweg hinter sich hat, ehe man eine Fahrkarte gekauft und einen Ort zum Sitzen gefunden hat, aber auch dann noch kein W-LAN.)

Natürlich hatte ich auch Texte eingereicht, natürlich wurde ich nicht eingeladen, natürlich ist es ärgerlich, zu hören, was für teilweise miserable Texte dort stattdessen gelesen wurden. Wie immer also.

Soll ich das Verfahren erklären? Nur kurz: Hunderte (es waren wieder mal etwa 700, das bekommt man während der ganzen Veranstaltung etwa dreimal pro Stunde gesagt, und sie dauert alles in allem über 10 Stunden) Junge Möchtegernschreiber schicken ihre Texte von 15 Minuten Vorlesezeit, über die Jahre wechselnde Lektoren angesehener Verlage tun, was Lektoren mit Skripten so tun: sie lesen sie. Modell ist das unverlangt eingesandte Manuskript eines Anonymen. Dass es in Wahrheit gar keine anonymen Manuskripte gibt, und dass unverlangt eingesandte Manuskripte Unbekannter so gut wie keine Chance haben, ernsthaft beachtet zu werden, wird geflissentlich ignoriert, man ist ja hier nicht der wirkliche Markt. Open Mike, das sind die Guten, will das vermitteln. Ob das stimmt, weiß ich nicht.
Lyrik wird von einem einzigen Lektoren gelesen, die Prosa ist auf 5 aufgeteilt, jeder wählt die 3 Texte, die er für die besten hält, aus. 20 Lesende, 5 Lyrik, 15 Prosa. Zwei Tage, 3 mal 4 und 2 mal 4 Lesende. Davor, danach, mittendrin und überhaupt riesiges Brimborium, Journalisten und Lektoren und Agenten und potentielle Autoren tun gegenüber einander so, als würden sie sich für Literatur interessieren. Dazwischen wuselt das gemeine Fußvolk wie ich herum und langweilt sich bei Lobes- und Dankes- und Vorstellungs- und was weiß ich nicht für Reden. Wahrscheinlich langweilen sich die professionellen Literaturverwerter dabei noch viel mehr, die tun sich derlei wahrscheinlich seit Jahrzehnten an. Vielleicht gewöhnt man sich auch mit der Zeit einen Modus Vivendi dafür an und lernt, derlei Reden zu genießen wie Ambient-Musik.

Man traf sich mal wieder in der Wabe, Samstag 14 Uhr, Eintritt frei, komplette Überfüllung, sogar die Sitzplätze auf dem Fußboden wurden einem in den Pausen geklaut, wenn man nicht darauf achtete. Sonntag schon um 12, es fehlte ein Drittel der Zuhörer, zur Preisverleihung nach 16 Uhr war die Wabe dann wieder gestopft.

Die Reihenfolge der Lesenden wird gelost, trozdem bleibt es ungebrochene Tradition, dass der erste Block Lesender höchstens unter realsatirischen Gesichtspunkten interessant ist, viel besser wurde es auch im zweiten nicht, ein Text von Jan Snela über einen als Einhorn verkleideten Mann, der an der Tankstelle 17 Liter Milch kauft (ganz lustig und mit vielen weiteren abwegigen Ideen und mit schön spielerischem Sprachgebrauch; bekam dann sogar einen Preis), sonst: Ausschuss.

Sondersituation Lyrik: 15 Minuten Lyrik am Stück sind zu viel, das weiß jeder, immer schon, es wird trotzdem seit Jahren nicht geändert. Lyriklektor dieses Jahres war Christian Döring, und er hat, ich weiß nicht, warum, miserabel ausgewählt, lauter Innerlichkeit (im schlechtesten Wortsinn, wenn das Wort überhaupt einen guten Wortsinn haben kann), Kitsch, Wörter wie Seele und Himmel (Es gibt keine Wörter, die man in Lyrik nicht benutzen darf, aber um Seele und Himmel zu rechtfertigen, müsste man Einiges an rhetorischem Geschütz auffahren), gehauchte Bedeutsamkeiten. Dazwischen ein lispelnder Schweizer, Levin Westermann, dessen Vortrag auch sonst recht seltsam war (über Sprachfehler bei Lyrikern müsste mal jemand arbeiten, ich kenne auch einen Stotterer, der hervorragend dichtet), der gewann dann den Lyrik-Preis, keine Ahnung, seine Gedichte „hatten“ immerhin „irgendwas“ (mehr bekam ich leider nicht mit, es war unmöglich, dem Vortrag dieser Gedichte zu folgen). Am zweiten Tag gab es dann noch einmal Lyrik, die in möchtegern-intellektuellen Aneinanderreihungen von technischen und philosophischen und anderen fachsprachlichen Wörtern bestand, also nicht wie Ulf Stolterfoht oder Ron Winkler oder Daniel Falb oder …, sondern schlecht gemacht. Kurz: Enttäuschend, nächstes Jahr bitte wieder ein Lyriklektor, der über Lyrik Gehaltvolleres sagen kann, als dass jeder Lyriker nur eine Stimme im Chor ist (jeden vortragenden Lyriker nannte er konsequent nicht Mensch, sondern Stimme, die Metapher vom Chor fiel in aller Peinlichkeit ganz unverblümt mindestens dreimal, vielleicht öfter, ich bin gut darin, so was zu verdrängen). Letztes Jahr hatte man Urs Engeler für den Job, die Gedichte, die der auswählte, waren vielleicht nicht berauschend, aber hatten wenigstens so etwas wie eine interessante Form, und es gab keine gar so schlimmen Ausreißer nach unten.

In der Jury saß ja auch Anja Utler, Hardcore-Lyrikerin, ihre Gedichtbände haben Titel wie „brinnen“ und „jana, vermacht“, man versteht kein Wort, soll man auch nicht, trotzdem versteht man sozusagen „etwas“, genug, um zu ahnen, dass es großartig sein müsste, wenn man die Zeit hätte, sich genauer damit zu beschäftigen. Und die musste sich den Herzschmerz- und Weltweisheit-Mist da anhören, die Arme. Sie saß größtenteils zurückgelehnt und reglos auf ihrem Stuhl und sah auf die Lesenden oder ins Publikum, und als sie kurz bei der Preisvergabe am Mikro stand: Was für eine Stimme! Ich hatte sie ja noch nicht vorher gehört, sie hat viele ihrer Gedichte auch mal eingesprochen, vielleicht kaufe ich mir so eine CD mal, das ist ja leider nicht die Art CD, die man im Internet gerippt findet.

[Warum hat man eigentlich nur

  • Dortmund – Düsseldorf – Köln (auch über Hagen und Wuppertal)
  • Köln – Frankfurt/M. Flughafen
  • Frankfurt/M. – Stuttgart – München
  • Frankfurt/M. – Hannover – Hamburg Hbf

Internet in den ICEs? Deutsche Bahn ist ein Arschloch.]

Weiter. Dritter Block, der letzte des Samstags, immerhin kein Text dabei, bei dem man sich die Ohren zuhalten mochte, langweilig waren sie doch, ich habe sie auch schon wieder vergessen, der einzige nachwirkende Text kam von einem DLL-Studenten, Janko Marklein, Jungen-Bande, Streiche, tote Tiere, Grausamkeit, erwachende Sexualität, bekanntes Sujet, aber großartig geschrieben, unglaublich klare Hauptsatz-Sprache, gute Bilder, viele Bilder, überhaupt: Viel und ideenreich erzählt auf dem engen Raum, im Grunde der einzige wirklich begabte Erzähler des gesamten Wettbewerbs, nicht ein langweiliger Satz in der Geschichte, und mehrere Wochen in 15 Minuten erzählt, ohne dass es auch nur einmal zu gerafft war, man kam sehr gut mit, plastische Landschaft, mit ganz wenigen Wörtern skizziert, treffende Szenen, motivische „rote Fäden“, die die Geschichte zusammenhielten. Dass diese Geschichte kam, hat mich mit dem Samstag versöhnt, und dass sie einen Preis bekam, mit dem gesamten Open Mike.

Überhaupt, die Preisvergabe ganz großartig, ein klares Signal: Hauptfiguren, die in ihrer Wohnung sitzen und nachdenken, reichen nicht; einzelne Szenen von Menschen mit einer Beziehung reichen nicht; schnell mal eine Geschichte, die man sich ausgedacht hat, aufzuschreiben, reicht nicht: um Literatur zu machen. Das ist langweilig, und es ist fast eine Frechheit, dass die Lektoren so was überhaupt zur Lesung anschleppen, und dass nicht einer mal einen wirklich experimentellen Text ausgesucht hat, die mit Preisen ausgezeichneten Texte waren noch diejenigen, die sich am weitesten von den Klischeevorstellungen, wie Literatur aussieht, entfernt hatten, und nicht einer davon überraschte mich noch in irgendeiner Weise. Die Mühlen des Literaturbetriebs mahlen langsam. Und nicht mal sonderlich fein.

Vom Hauptbahnhof Hildesheim zu mir nach Hause dauert es zu Fuß weniger als eine halbe Stunde. Mit meinem Gepäck kann ich den ganzen Weg aber nicht zu Fuß gehen. Also warte ich auf den Bus und werde erst in einer dreiviertel Stunde zu Hause sein. Hildesheim ist etwa so ein großes Arschloch wie die Deutsche Bahn. Mein Laptop hat Akku und ich habe The Velvet Underground auf den Ohren, hatte ich auch im Zug schon, der allgemeine Boswill der Welt ist mit Kopfhörern durchaus leichter zu ertragen. W-LAN ohne Passwort gibt es aber auch hier nicht.

Der zweite Tag lief sich etwas besser an als der erste, ein recht guter Text zum Anfang, der am Ende bei der Preisvergabe immerhin eine lobende Erwähnung bekam, und zwei Weltenbummler, einer auf Hoher see, einer in Australien, der auf Hoher See war ganz hörbar, aber keine Literatur, der in Australien war besser, Fleisch und Himmel, aber mir letztlich zu konventionell, na ja, recht gut im Vergleich zum Rest.

Letzte Gruppe: Sebastian Polmans fing an, der studiert ja auch hier in Hildesheim, ein Jahrgang über mir, hat aber vorher schon was studiert. Er las einen recht unkonventionellen Text vor und wurde dann auch mit dem Publikumspreis ausgezeichnet, heißt, seine Geschichte erscheint in der taz. Er schreibt sonst ganz anders (so weit ich weiß), kryptischer, mit leichtem Hang zum Surrealen, und mit sehr seltsamen Sätzen, irgendwie klangen seine Geschichten in meinen Ohren immer fremd, ich konnte das nie festmachen, es musste irgendwas in den Satzkonstruktionen sein. Hier jedoch schrieb er ganz erstaunlich verständlich, Richtung Stream of Consciousness, aber nicht so aufdringlich, wie man es ständig sieht, kurze Sätze, englische Zitate, unheimlicher Drive in den Sätzen, unheimlich gut gelesen. Ein Schwarzer beobachtet eine Nonne, während sie auf den Bus warten. Mehr nicht. Und trotzdem verfolgte man es alles gebannt. Ich weiß nicht, ob ich diese Entwicklung Sebastians begrüßen soll (und ob es überhaupt eine Entwicklung ist oder nur ein Exkurs), das muss er selbst wissen, was er will, es funktioniert jedenfalls.

Hm, das war es eigentlich, die Veranstalter haben sich schon genug selbst gefeiert, da muss ich nicht mitmachen. Die Preisverleihung war eben eine Preisverleihung, ich stehe ja nicht so auf Shows, Nervenkitzel ist trotzdem dabei, und am Ende freute ich mich hinreichend über die Auswahl, sagte ich ja schon, wohliges Gefühl also, wie wenn man gerade auf ebay ein Schnäppchen ersteigert (es fühlt sich an wie: erkämpft) hat.

Open-Mike-Preise gelten ja als Karriere-Beschleuniger, das ist dieses Jahr allen zu wünschen.

Tut mir leid, wenn ich hier etwas barsch mit sicher teilweise sehr intimen Texten umgehe, ich nehme mir das heraus als „einfacher Leser“, der keinen objektiven Kategorien zu genügen hat. Ich reagiere eben emotional auf Texte, und ich ärgere mich eben ganz ehrlich, wenn mich ein Text langweilt. Sicher gibt es auch Menschen, die genau anders herum denken und sich für die Kitsch-Texte begeistern, sollen sie machen, aber sollen sie es nicht Literatur nennen. Einzig Isabella Antweiler bitte ich, ganz und gar aufzuhören, zu dichten. Vielen Dank.

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Über Weiszklee

Bekennender Möchtegernliterat
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9 Antworten zu Open Mike 2010

  1. denis schreibt:

    helllllo KLAUS;
    merci for the interesting text. wenn schon die meisten sachen beim open mike öden waren-dein text nicht.

    denis

  2. Pingback: 57. Weiszklee schreibt über open mike « Lyrikzeitung & Poetry News

  3. stan lafleur schreibt:

    ganz so abwegig ist die idee mit dem als einhorn verkleideten mann nicht: in amsterdam zb laeuft so einer rum. seine aktivitaeten gibts auf youtube in vielen kurzen clips zu bestaunen.

  4. schon_gehört schreibt:

    Na super Klaus,

    subjektivität zieht immer. Aber vielleicht musste mal drüber nachdenken, ob so ne messianische unkonventionalität nich eigentlich jenauso konventionell is, und ob regeln nich einzuhalten nich viel langweilijer is, als in Ketten zu tanzen.
    viel glück fürt nächste jahr. und der schweizer lyriker war trotz s-fehlers nicht deswegen grandios.

    • weiszklee schreibt:

      Dem Schweizer Lyriker will ich nicht zu nahe treten, ich sage nicht umsonst, dass ich mich _leider_ nicht auf seine Gedichte konzentrieren konnte.

      In Ketten zu tanzen, ist großartig, dagegen will ich nichts sagen. Das, was ich im Blogeintrag als konventionell bezeichne, ist vor allem eines: unreflektiert, und genau das geht eben nicht. Man muss sich zu den Konventionen verhalten. Vielleicht muss man sie nicht zertrümmern (das versuchte ja niemand, und ich persönlich glaube auch nicht, dass das überhaupt geht), aber man muss sich ihrer bewusst werden, denn sonst macht man nichts, als sich immer und immer weiter im Kreis zu drehen, die vorhandenen Kreisbahnen der Diskurse immer fester und fester einzulaufen und den Blick auf das, was jenseits davon möglich ist, zu versperren.

  5. TheGurkenkaiser schreibt:

    Konventionen – zumal ästhetische – ermöglichen und beschränken das, was überhaupt sag- und denkbar ist. insofern halote ich es auch für nötig, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, wenn man überhaupt etwas von relevanz sagen will. Egal ob in der kunst oder in der wissenschaft. um nichts anderes gehts ja in meinem blog die ganze zeit.

    Was ich aber eigentlich sagen wollte: Ich habe diesen Text gerne gelesen obwohl mich das thema eigentlich nicht interessiert. (aber dann doch einen anknüpfungspunkt gefunden- glückstag). ich hoffe du schreibst noch mehr. hab ja gerade auch erst mit bloggen angefangen und ich ziehe daraus großes vergnügen.

  6. Pingback: große Sätze: die Lyriker des Open Mike | open mike – der blog

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