Kritzeleien

Ende Februar 2012, auf einer Bahnfahrt, nachdem ich mich bereits beim Lesen der Einleitung Hals über Kopf in dieses kleine Büchlein verliebt hatte.

Scan

Dieses fast schon poetische Grunddilemma der Philosophie, dass sie nicht anders kann, als ihr eigener Gegenstand zu werden: Denn jedes Hervorbringeneiner Aussage der Erkenntnis des Menschen in Beziehung zur Welt ist bereits ihr Gegenstand, und die Aussage, dass dies ihr Gegenstand sei, ist es ebenfalls etc. ad infinitum.

Poetisch formuliert: Aussagen über die Welt sind Teil der Welt. Und Aussagen über das Verhältnis des Menschen zur Welt sind Teil des Verhältnisses des Menschen zur Welt. Und Aussagen über das Verhältnis des Menschen zur Welt sind Teil der welt, und das heißt im Endeffekt: Aussagen der Philosophie verändern selbst den Gegenstand dieser Aussagen.

Ursprung dieses Dilemmas könnte sein die bekannte und bekanntermaßen nicht haltbare Trennung von Subjekt und Objekt, von Ensch und Welt, von Erkennendem, Erkenntnis und Erkanntem. Es ist dies auch das größte und einzige Dilemma des Poeten, der Poesie und des Poetisierten.

Der wichtigste Unterschied zwischen Philosophie und Poesie könnte sein, dass die Philosophie zu genau dieser Erkenntnis kommt, wenn sie angestrengt versucht, genau das nicht zu tun, Teil der Welt zu werden, sie will ja von der Grundgeste her über die Welt sein. [Das ist vielleicht etwas kurz für „über die Welt reden und damit über der Welt sein“, was schon wieder ein eigenes Untersuchungsgebiet wäre.] Der Grundgeste der Poesie hingegen fehlt die besprochene Erkenntnis, sie allerdings will das, was ich beschrieben habe. Ihr Gründungsmythos ist weniger, das Universum zu erkennen, als vielmehr, mit Steve Jobs [der ja eh besser Poet als Diktator geworden wäre] gesprochen: „I want to put a ding in the universe.“

Veröffentlicht unter Kritzeleien, Ziellose Überlegungen | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | 4 Kommentare

Ihr Name ist Holga und wir werden eine Lebensabschnittspartnerschaft eingehen.

meiner verehrten Mitbewohnerin, Kommilitonin und Internet-Genossin Nicole erzählend, wie ich im zweiten Semester ein Fotografie-Seminar mit vierstündiger praktischer Übung belegte und es sehr großartig war, Filme selbst zu entwickeln und Abzüge zu machen, nur dass unser Dozent etwas selbstgefällig und rechthaberisch und überhaupt ein Arschloch war, der jene unentspannte Art der Professionalität auszustrahlen sich Mühe gab, die Menschen unsympathisch macht, und der uns zum Beispiel nach unseren Referaten zu von uns selbst ausgewählten Fotografen unverhohlen mitteilte, welche davon er selbst schätzte, und es war nicht schwer zu erkennen, dass er vor allem Wert legte auf handwerkliche Perfektion (Helmut Newton, Jan Saudek, Henri Cartier-Bresson und was Studenten sich noch so als Referatsthema aussuchen, wurden sehr goutiert) und zog auf Das-kann-ja-jeder-Niveau über William Eggleston her und sagte, mein Referat über Wolfgang Tillmans sei sehr gelungen, an Tillmans selbst aber höchstens seine Art, die Bilder zu hängen interessant, die Bilder selbst nur Durchschnitt, und wie unser Dozent dann über Lomografie herzog,

meinte Nicole plötzlich, sie habe ebenfalls eine von der lomografischen Gesellschaft vertriebene Kamera, es handelt sich dabei um eine Holga, wir probierten sie aus, sie war nicht sichtbar beschädigt und der Verschluss tat, was ein Verschluss tut, und das ist immerhin eine möglicherweise mehrheitsfähige Minimalanforderung an eine Kamera; neue Batterien zeigten, dass der vierfarbige (jaha!) Blitz nicht funktionierte, aber es gab etwas Besseres, eine dem Holga-Starter-Kit beiliegende Liebeserklärung in Buchform, „The World Through A Plastic Lens“ mit ein paar hundert Beispielbildern, Erklärungen, Tipps und, ich sagte es schon: Liebe

„the holga is so lo-fi, so dirty, so plastic, so beautiful!“ (gravityroom)

„it shows me what the world should look like.“ (moominsean)

„it melts in a hot car“ (goldhammer)

ich hielt es, da ich wie gesagt nicht vollkommen unwissend bin, wie analoge Fotografie rein von der technischen Seite her funktioniert und weil ich einen naturwissenschaftlichen Geist habe, für möglich, mit dieser Kamera Bilder zu machen (außerdem lernt man aus Versuch und Irrtum, und man kann sich umfassend im Internet belesen, zum Beispiel erklärt diese Seite alles mit einem sehr angenehmen Humor („Die Rückwand sorgt dafür, dass der Film nicht dauernd raus fällt. Diese Aufgabe meistert sie souverän. Natürlich sollte sie auch das Licht vom Film fernhalten. Mehr oder weniger gelingt ihr auch dies… eigentlich eher mehr weniger.“) aus dennoch erschütternd professioneller Sicht) und fühlte mich von einer angenehmen Euforie getragen, die mit wachsendem Schlafentzug wuchs, es wurde langsam hell, Nicole war im Bett, Filme fand ich keine, ich ergoogelte die Öffnungszeiten der nächsten Drogerien, Hildesheim verfügt hauptsächlich über Drogerien, die pro Tag weniger als 12 Stunden geöffnet haben, die zwei Fotoläden sind noch alberner, aber es trug mich bis weit über die Öffnung des Rossmann hinaus und verknipste (absichtlich dieses Wort, weil besagter Fotografie-Dozent es nicht ausstehen kann) zwei Filme, ich musste zum Filmherausnehmen zweimal wieder zurück in unser mit einem Pullover abgedunkeltes Badezimmer, um man muss den Film in völliger Dunkelheit manuell in die Spule zurückdrehen, dann brachte ich die Filme zum etwas weiter entfernten dm, wo Entwickeln etwas schneller und billiger geht als bei Rossmann, und fiel selig ins Bett und dann Pause, es dauert immer alles so ewig

nach ein paar Tagen holte ich die Fotos ab, in diesen potthässlichen mit „Flammende Ruhe“ beschriebenen Fotoumschlägen mit dieser Tulpe drauf, es war ganz amüsant, zu sehen, was die Automaten gemacht hatten mit diesen jeweils 6 Zentimeter breiten absichtlich belichteten Bereichen innerhalb dieses Films, auf den an allen Ecken und Enden irgendwie Licht gefallen ist, irgendwie hoffte ich darauf, dass die Automaten schlau genug sind, zu erkennen, dass sie nicht schlau genug sind, um damit umzugehen, und Hilfe rufen, stattdessen haben sie wie ein Mensch gehandelt und sich für schlauer gehalten, als sie sind, und zum Teil Bilder zerschnitten

Negativ010

die Abzüge sind denn auch recht erratisch und bilden immer nur einen 3*4,5 Zentimeter großen Bereich der Negative ab, meistens liegt er in den Bereichen, die als Bilder gemeint waren, manchmal gibt es Überschneidungen, die in einigen Fällen sehr surreale Dopplungen ergeben (die Omma!)

Holga006

Man muss betonen, dass es schon ein Wunder ist, dass überhaupt auf diese Weise Fotos entstehen, auf denen Menschen und Dinge zu sehen sind, Fotografie war zumindest in meinem Gefühl immer eine höchst sensible Sache, und wenn man etwas falsch macht, ist alles vorbei, Film schwarz und Ende, diese Kamera nun macht wirklich alles falsch und meine eigenen Flüchtigkeitsfehler kommen noch dazu, die erwähnten Automaten machen den größten aller Fehler, mit dem Film umzugehen wie mit jedem anderen, und tatsächlich ist Fotografie eine höchst sensible Sache, und jeder einzelne dieser über ein Dutzend Fehler hinterlässt seine Spuren, und es ist tatsächlich relativ frustrierend, denn ich hatte auch einige coole Motive und coole Ideen, die überhaupt gar nichts geworden sind, trotz allem aber kommt ein Ergebnis dabei heraus, und was herauskommt, tröstet sehr gut darüber hinweg, dass so vieles nichts wird (Erfahrungswert: Je mehr ich mit einem Foto will, desto miserabler das Ergebnis, und je weniger ich mit einem Foto will und je mehr ich mich dem Drang hingebe, einfach mal hier oder da draufzuhalten und zu knipsen, oder einfach mal was auszuprobieren, desto faszinierender ist das Ergebnis und auf jeden Fall: desto großartiger ist der Moment, wenn man die Fotos das erste Mal sieht)

Holga001
Holga002
Holga003
Holga005

vier großartige Fotos auf zwei Filmen ist sogar ein guter Schnitt, und wenn man bedenkt, dass das immer noch nur die Möchtegern-Abzüge aus den Automaten in diesem Fotolabor sind, wo der dm in der Schuhstraße in Hildesheim Filme entwickeln und Fotos abziehen lässt, und dass die meisten Negative durchaus noch darüber hinaus brauchbar sind und sich daraus noch weit Interessanteres machen lässt (bei den Negativen oben sieht man, dass sie über den üblichen Bereich hinaus auch auf den durchlöcherten Seitenstreifen belichtet sind, was relativ aufsehenerregende Abzüge ermöglicht), so hat allein dieser erste Probe-Streifzug wahrscheinlich mehr gebracht, als hätte ich mit einer zeitgemäßeren Kamera Fotos gemacht, die gar nicht mehr anders als perfekt werden können bei dem, was die Kameras einem alles abnehmen können

Holga und ich, Webcam-Foto

bei aller Liebe zum Kontrolle-Abgeben, die zerschnittenen Negative tun dann doch zu weh, die folgenden Filme habe ich dann doch in einem der Fotoläden abgegeben und ihnen eingeschärft, die Negative überhaupt gar nicht in Streifen zu schneiden, weil die Bilder sich gänzlich überlappen und jeder Schnitt ein Schnitt durchs Bild wäre, das hat dann auch geklappt, aber es dauert wie gesagt alles ewig, ich habe in diesem Moment noch nur die entwickelten Negative, Abzüge sind aus den genannten Gründen schwierig und damit teuer, und wenn es nicht irgendwas gibt, wofür ich die weiter verwerte, werde ich mir nur für mich wohl vielleicht zwei, drei Abzüge pro Film gönnen, ich muss sehen, wie man dem Labor genau mitteilen kann, welchen Abschnitt man abgezogen haben will, Schwarz-Weiß-Bilder kann ich auch in dem Fotolabor der Uni selbst abziehen, das ist ideal, verschlingt aber noch mehr Geld und erst recht Zeit, ich habe Ausschnitte aus den Negativen eingescannt, damit ihr euch einen Eindruck davon machen könnt, wovon ich rede, und die Scanns invertiert und mit GIMP derart bearbeitet, dass man in etwa sieht, wie die hinterher als Bilder aussähen, Farbfilm-Langzeitbelichtungen des Hildesheimer Hauptbahnhofs von der Brücke, von der man den schönsten Blick auf ihn hat, bei tiefster Nacht, Mit der Bulk-Einstellung, die neuere Holgas haben, ein paar Sekunden bis zwei Minuten habe ich den Auslöser heruntergedrückt, es war kalt, ich war noch übernächtigter als beim ersten Mal, es war großartig, dann ein Schwarz-Weiß-Film bei einem Streifzug durch die Stadt, fremde Menschen zu fotografieren, fühlt sich übrigens mehr nach Raubzug als nach Streifzug an, macht viel Spaß

Negativ005
Negativ006
Negativ007
Negativ008
Negativ009

weiterer Erfahrungswert, wenn man schon so Bilder macht, muss man es auch durchziehen, die Bahnhofsbilder sind gnadenlos, ein 36-Bilder-Farbfilm auf einen Ruck auf dieser Brücke verschossen, aus Langeweile alles Mögliche ausprobiert, mir den Arsch abgefroren, hin- und hergerannt, um unterschiedliche Perpektiven übereinander zu bekommen, den Auslöser heruntergedrückt, bis der Zeigefinger so wehtat, dass es nicht mehr ging, und dann den Mittelfinger genommen, und dann den Daumen, und die Bilder sind wirklich so, dass ich selbst gespannt bin, wie sie aussehen können – dagegen die Stadtfotos sind größtenteils relativ beliebig, weil man sich das einfach nicht traut, in der Stadt herumzufotografieren und fremde Menschen zu fotografieren (die, streng genommen, ein Recht am eigenen Bild haben, ich darf Fotos von ihnen ohne ihre ausdrückliche Einverständniserklärung gar nicht veröffentlichen) und angeguckt zu werden wie ein Geisteskranker, die nötige Chuzpe muss man sich erarbeiten, der nächste film ist in der Hinsicht deutlich besser, und es ist sogar endlich ein Mittelformatfilm, wie die Holga ihn eigentlich braucht, so abwegig das auch ist, extrem teure und professionelle Mittelformat-Filme in so ein Spielzeug wie die Holga zu stecken, Film, Entwicklung und Abzug sind auf jeden Fall teurer als die Kamera selbst, es ist purer Wahnsinn, so soll es sein, zuerst wurde ich aber beim Hausverlassen von den Nachbarskindern aufgehalten

Negativ001

streng genommen darf man die Bilder von Kindern nicht nur nicht veröffentlichen, man darf sie ohne schriftliche Erlaubnis der Eltern nicht mal fotografieren, streng genommen habe ich sie aber auch nicht fotografiert, sondern ihnen nur meine Kamera gegeben, damit sie sich gegenseitig fotografieren, worum sie mich auch ausdrücklich gebeten haben, was allerdings bedeutet, dass das Copyright für diese Bilder streng genommen gar nicht bei mir liegt, wobei ich nicht weiß, ob Kinder überhaupt Copyright-Inhaber sein können oder ob von Kindern gemachte Fotos überhaupt auch nur theoretisch die geistige Höhe erreichen können, die für Copyright-Überlegungen Voraussetzung ist, und ob ich nicht zumindest ein Mit-Recht habe, weil ich die Entfernung schätze und die Bilder halbwegs (genau ist bei der Holga eh nichts) scharfstellte und den Film nach jedem Foto weiterdrehte, zu allem Überfluss ist unten auf der Regenrinne mit Stencils ein Goldfisch gesprayt, der betreffende Streetartist, der das tat, hat also ebenfalls berechtigtest Interesse an den Fotos, ich weiß allerdings nicht, ob Abbildungen von Goldfischen auf Regenrinnen bereits als dreidimensionales Werk gelten, dann wäre eine zweidimensionale Fotografie davon ein eigenständiges Werk, oder noch als zweidimensional, dann ist eine zweidimensionale Fotografie davon nur eine Kopie und verstößt gegen das Copyright, obwohl der Streetartist sein Werk nicht unterschrieben hat und auch sonst nicht sehr viel Interesse daran zeigt, dass sein Recht gewahrt wird, sonst ließe er seine Werke ja nicht unbeaufsichtigt auf der Straße herumstehen, eine Fülle von Unwägbarkeiten also, die diesen harmlosen Fotos am Rattenschwanz mit sich herumtragen, in meinem Verständnis Unwägbarkeiten, die nur einmal mehr beweisen, dass das Urheberrecht gänzlich auf Fehlannahmen und schrulligen Vorstellungen von kreativen Entstehungsprozessen beruht, aber das nur nebenbei, ich bin dann weiter durch die Stadt gezogen und habe Menschen fotografiert, diesmal deutlcih offensiver, und ich bin deutlich näher an sie herangegangen und die Bilder sind deutlich interessanter geworden als beim Kleinbild-Schwarz-Weiß-Film

Negativ002
Negativ003
Negativ004

und dann war der Film zu Ende, aber bei Mittelformatfilmen merkt man das von außen so schlecht, wenn ein Film zu Ende ist, ich habe noch einmal etwa ebenso viele Bilder ins Leere hinein geschossen, es fühlt sich an wie: Aha, auch diesen Fehler habe ich also gemacht, kann ich abhaken, schön, ich hoffe, in Zukunft noch einige weitere Fehler abhaken zu können, ich berichte dann vielleicht hier davon

Veröffentlicht unter Bildende Kunst, Holga, Ziellose Überlegungen | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , | 2 Kommentare

Der Vegetarismus und ich

Wo anfangen. Vielleicht hier und jetzt. Ich habe Fleisch im Kühlschrank. Bio-Kochschinken aus dem Penny. Das ist gut so. Meistens kaufe ich Fleisch nach kurz nachdem ich das letzte aufgegessen habe. Das kann dauern. Viel Fleisch esse ich nicht. Wenn ich einen Durchschnitt schätzen müsste, wahrscheinlich zweimal pro Woche oder so, einmal weil ich unterwegs schnell und reichhaltig essen muss und mir einen Döner kaufe, einmal weil es mich zu Hause überkommt, zum Beispiel, meistens nachts, und ich weiß, dass ich noch etwas im Kühlschrank habe. Wahrscheinlich würden Ernährungsberater mir zu diesem Schnitt gratulieren, auf jeden Fall wirkt er sich gut auf meinen Geldbeutel aus, weil Fleisch halt doch teuer ist, wenn man sich wie ich einbildet, dass Bio-Fleisch erstens besser schmeckt und zweitens weniger Tierquälerei verursacht. Sowohl Ernährungsberater als auch geizige Geldbeutel würden allerdings die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn sie wüssten, dass ich mich hauptsächlich von Fertiggerichten und Süßigkeiten ernähre (und von den vegetarischen Mittagessen, die es am kulturwissenschaftlichen Außensitz der Uni immer gibt, weil schätzungsweise drei Viertel der KuWis Vegetarier sind), also darum geht es mir gar nicht dabei.

Ich hoffe, das genügt Einstieg der größtmöglichen Unaufgeregtheit. Ich finde es so albern, sich aufzuregen über das Fleischessen oder sich aufzuregen über das Kein-Fleisch-Essen oder sich aufzuregen über Leute, die sich über das Fleischessen aufregen oder sich aufzuregen über Leute, die sich über das Kein-Fleisch-Essen aufregen. Stumpfender vs. Spitzender.

Mein Prof war neulich (letztes Jahr irgendwann, glaube ich) erstaunt, als er mich im Restaurant Leber bestellen hörte, er habe immer gedacht, ich sei Vegetarier, sagte er. Ich bin derart alltäglich von Vegetariern und Nicht-Vegetariern umgeben, dass ich mir nicht die Mühe mache, zu versuchen, zu erkennen, wer was ist, aber wahrscheinlich würde ich tatsächlich wunderbar ins vegetarische Klischee passen, falls ich kein falsches Klischee davon im Kopf habe: Viel zu dünn und untrainiert, lange (seit diesem Jahr halblange) Haare, mit der gesamten Existenz in den Sumpf von „Kunst und Kultur“ gefallen, nicht wirklich eine Stimmungskanone, betont nicht-mainstreamiger Geschmack, … Ein bisschen wundert es mich selbst, dass ich kein Vegetarier bin und auch nie war, obwohl ich als Kind auf dem Bauernhof das Schlachten nie sehr angenehm fand, aber ich glaube, das lag einfach daran, dass es mit körperlicher Anstrengung und mit Langeweile und mit Drecksarbeit zu tun hatte. Ich hasste das Kaninchenausnehmen nicht mehr als das Gartenumgraben. Heute bin ich vielleicht etwas froh, zu wissen, dass ich das alles kann, positive Auswirkungen auf die Persönlichkeitsbildung kann ich aber nicht darin entdecken, dass man mich zwang, im Garten zu arbeiten, wenn ich lieber im Zimmer gelegen und gelesen hätte. Don’t let the Ökofreaks tell you anything. Aber darum geht es hier gar nicht, wo war ich.

Wahrscheinlich würde es kaum einen Unterschied machen, wenn ich heute entschiede, Vegetarier zu werden, ich sagte ja oben schon, dass ich kaum Fleisch esse, und das bisschen (ein bisschen ist mehr als ein Bissen, weil es kleingeschrieben ist, hihi, Sprachnerd-Scherz am Rande) ließe sich auch in Tofuwürstchen zu sich nehmen (Tofu schmeckt nicht schlecht, obwohl er natürlich nie an Bio-Kochschinken herankommt). Ich respektiere die moralischen Überlegungen von Vegetariern und zumindest diejenigen, die ich kenne, sind in der Mehrzahl freundliche Menschen, mit denen ich mich gut verstehe. Niemand würde plötzlich blöd gucken, wenn ich mich entschiede, Vegetarier zu werden, und es gibt zweifelsohne moralische Argumente, die dafür sprechen, keine Tiere mehr zu töten, wenn unsere Kultur so weit fortgeschritten ist, dass wir ein komfortables Leben führen können, auch wenn wir darauf verzichten.

Trotzdem: Ich kann nicht. Es geht nicht. Ich würde mich fühlen wie krank und in alte Muster zurückfallend. Die Kirche hat mir lang genug Schuldgefühle wegen meiner Körperfunktionen eingeredet, das lasse ich nicht mehr mit mir machen. Ich esse gern Fleisch und es tut meinem Körper gut, und dass Menschen Tiere töten, ist nicht barbarisch. Ich will ja nicht, dass wir in den Wald rennen und mit Steinen auf Rehe schmeißen, bis wir eins erwischen, das wir dann mit unseren Zähnen zerteilen (das wäre nur in irgendwelchen albernen Robinson-Crusoe-Szenarien nötig), so wenig wie ich will, dass wir neben die Straßenbäume kacken und mit fetttriefenden Haaren herumlaufen. Ich will nur dagegen argumentieren, Fleischessen (oder halt Defäkation und die natürlichen Schutzmechanismen unserer Kopfhaut in den anderen Beispielen) zu verteufeln, nur weil sie nicht in unser skurriles und abwegiges Menschenbild passen, das nicht mehr als eine kranke Modeerscheinung und gleichzeitig nicht frei von mittelalterlichen Vorstellungen über die Schlechtigkeit des menschlichen Körpers und seiner Bedürfnisse und seiner Gelüste und seiner Begrenztheit und Unvollkommenheit ist.

Ich will nicht behaupten, von diesem Denken frei zu sein (und indem ich oben schreibe, ich habe mich lieber zwischen die Bücher verzogen als körperlich zu arbeiten, gebe ich zu, wie weit ich von Kindheit an in diesen überkultivierten Mustern stecke, auch das ist halt etwas, das wie das Fleischessen zu mir gehört und gegen das ich nicht versuchen sollte, mich mit Gewalt zu wehren.) Ich weiß gar nicht, was ich will außer dem üblichen „Bewusstheit schaffen“-Bla. Doch, ich weiß, was ich will: Es mal aufgeschrieben haben, was zu umfangreich ist, um es in Gesprächen anzubringen, ohne missverstanden zu werden. Und: Mal wieder gebloggt haben. Der Mensch soll sich nicht wehren gegen sein natürliches Bedürfnis, Tagebuch zu schreiben und sich vorzustellen, was passiert, wenn Menschen das lesen.

Veröffentlicht unter Ziellose Überlegungen | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , | 10 Kommentare

Mit Worten lässt sich trefflich streiten

Ich stolperte neulich bei GayRomeo über jemandes Profiltext, Wortlaut:

Wichtig!! Es gibt eine große Fragebogenstudie der Universität Kiel zum Leben homo- und bisexueller Männer, die von der Landesstelle für Gleichstellung und gegen Diskriminierung in Berlin gefördert wird.. Sie ist recht ausführlich, aber daher auch eine wirklich gute Sache. Daher bitte alle mitmachen und am besten weiterverbreiten:

http://www.uni-kiel.de/psychologie/survey/index.php?sid=66192

Für Fragen stehe ich gerne zur Verfügung.

Ich hatte gerade sehr viel wichtiges Zeug zu erledigen, also klickte ich drauf, aber dann ergab sich eine ganz andere Gelegenheit zum Zeitvertreiben, die Unterhaltung beschäftigte mich fast eine ganze Woche. Etwa am zweiten oder dritten Tag bohrte sich die Idee fest, sie als symptomatische und besonders umfassende (fast hätte ich geschrieben: erschöpfende) Klischeesammlung zu veröffentlichen. Ich kann schlecht beurteilen, wie gut ich mich darin geschlagen habe und wie viele Menschen, die sich viel besser damit auskennen als ich, die Hände über den Kopf zusammenschlagen werden, wenn sie es alles lesen. Egal, wenigstens habe ich das letzte Wort behalten. Lest selbst.

1. Weiszklee 28. Apr. 2011 – 19:16
Euer Fragebogen wirft mich raus, WTF? Liegt es daran, dass ich angab, ich fühle mich weder als männlich noch als weiblich? Ich bin ein Gegner solcher Kategorien.
2. FairyGodFather 28. Apr. 2011 – 19:18
Ja, daran wird es wohl liegen. Wir wollen uns mit der Situation hom- und bisexueller Männer befassen und wer sich nicht selbst so definiert, sammelt womöglich andere Erfahrungen.
3. Weiszklee 28. Apr. 2011 – 19:20
Arschlöcher, lest mal Judith Butler.
4. FairyGodFather 28. Apr. 2011 – 19:20
Okay, wie du meinst.

Ich muss gerade los, sorry.
5. Weiszklee 28. Apr. 2011 – 19:24
Jaja, schon klar.
Ich bin kein Transvestit oder so, ich versuche nur, mich vom Denken in diesen Kategorien zu trennen, und indem ihr sie überhaupt aufmacht und als Bedingung eurer Studie voraussetzt, verstärkt ihr sie nur. Aufgabe von Wissenschaft kann es nicht sein, restriktive Gesellschaftstrukturen noch zu verstärken und nur das zu untersuchen, was in sie hineinpasst. Das kann man 2011 echt nicht mehr bringen.
6. FairyGodFather 28. Apr. 2011 – 22:39
Ich sehe das etwas anders. Diese Kategorien existieren und die meisten Menschen ordnen sich ihnen zu. Wir haben uns entschieden zwei dieser Kategorien genauer zu untersuchen. Alle zu berücksichtigen wäre kaum möglich, das wäre zu aufwändig. Bei anderen Menschen hätte man andere Fragen stellen und dazu andere Vorarbeit leisten müssen, um dem gerecht zu werden. Daher befragen wir nur die Personengruppen auf die wir uns vorbereitet haben. Für die anderen gibt es Partnerprojekte. Das hat auch etwas mit sauberer wissenschaftlicher Praxis zu tun. Wenn man zwei Gruppen vergleichen möchte, muss man sich einfach auf Personen beschränken, die diesen Gruppen angehören, um korrekte Befunde zu gewinnen.
7. Weiszklee 29. Apr. 2011 – 14:08
OK, wie ist die Adresse zu dem Fragebogen für Schwule, die Judith Butler gelesen haben?
8. Weiszklee 29. Apr. 2011 – 14:14
Whoa, ich habe das noch mal versucht, und man wird sogar rausgeschmissen, wenn man auf die Frage nach Männlich oder weiblich antwortet: Ich möchte lieber nicht antworten.
Wer bezahlt euch, die Katholische Kirche?
9. FairyGodFather 29. Apr. 2011 – 16:32
Jetzt übertreib doch mal nicht so.
Im Übrigen sollte man auch den Theorien aus dieser sozialkonstruktivistischen Ecke gegenüber eine gesunde Skepsis aufbringen. So gut wie nichts davon ist empirisch bestätigt wurden, es sind nur Hypothesen.
Zu der Annahma, dass Sprache das Denken formt, gibt es nur sehr widersprüchliche Befunde. Und im Gegenteil lässt sich nachweisen, dass Menschen – und viele andere Tiere auch – bereits mit einem reichhaltigen Vorrat an Konzepten geboren werden.
Selbstverständlich sind diese eher heuristisch und bilden die Wirklichkeit nicht perfekt ab. Das ist aber auch überhaupt nicht ihr Ziel. Sie dienen einfach nur dem effektiven Überleben und haben sich evolutionär bewährt.
Natürlich ist es sehr sinnvoll, sich dies bewusst zu machen, es zu hinterfragen und zu reflektieren. Die Annahme, dass man sich davon völlig befreihen könnte, ist meiner Ansicht nach jedoch sehr naiv. Es steckt in uns.
Und die Vorstellung, dass die Umwelt unseren Geist, welcher demzufolge anfangs einer Tabula rasa gleicht, formt, entspricht letztendlich auch sehr dem common sense, welcher für Erkenntnisgewinn absolut ungeeignet ist.
Ich möchte nicht behaupten, dass diese Gedankengänge wertlos sind. Sie sind durchaus zur Erweiterung des Horizontes geeignet. Aber wenn man dann in ihnen stecken bleibt, hat man auch nicht viel gewonnen. Man darf nie aufhören zu hinterfragen.
10. Weiszklee 30. Apr. 2011 – 02:59
Ja, du hast insofern natürlich recht, und ich rede auch nicht von Tabula Rasa, und auch die konstruktivistischsten Denker reden nicht von einer Tabula Rasa. Und ich komme vom Dorf und ich weiß, dass Rüden sich meistens nicht abkönnen und dass sie mitunter ohne Sinn und Verstand auf Weibchen draufspringen, auch wenn die von einer ganz anderen Rasse sind, und dass das nichts kulturell Antrainiertes ist, und ich weiß, wo man bei Kaninchen nachschaut, ob die männlich oder weiblich sind, um Brüder und Schwestern zu trennen, damit es keine Inzest-Flut gibt. Ja. Geschenkt. Niemand von der Konstruktivisten-Seite, wenn man sie so nennen will, bezweifelt, dass es Menschen mit und Menschen ohne Penis gibt, so wie niemand von der (Wie soll man die nennen, Prädestinations-Seite?) bezweifelt, dass diese Zweiteilung keine strikte, sondern eine fließende mit den verschiedensten Übergangsformen ist. Das ist nicht der Punkt.
Der Punkt ist, dass er unerklärlich ist, dass das so eine große Rolle spielt. Dass die Zuordnung Männlich oder Weiblich immense Auswirkungen in sämtlichen Lebensbereichen mit sich zieht, und die leute belastet und fertig macht, denn auch das wirst du nicht bestreiten können, dass die vorstellungen davon, was männlich und was weiblich ist oder sein soll, die menschen krank macht und ihnen schadet, und dass das abweichen von der norm mitunter mit heftigen sozialen sanktionen verbunden ist, das werdet ihr ja rausfinden in eurem fragebogen, nehme ich an, ich kenne ihn ja nicht. Warum bloß? Warum ist das so wichtig? Warum scheint es ncihts Wichtigeres zu geben als die Frage, ob jemand ein Mann oder eine Frau ist, und ich bewege mich sehr viel im Internet und ich weiß, wie zum Beispiel bei Twitter öffentlich gerätselt und auch direkt gefragt wird, ob jemand Mann oder Frau sei, wenn das vom Profil her nicht eindeutig zu entscheiden ist. ob jemand links oder rechts ist oder welche bildung er genossen hat, das ist alles nebensächlich, solang man nur herausfinden kann, ob er mann oder frau ist. das ist so unsinnig, und das ist es, wogegen ich mich gern wehren möchte, und dann ist das keine sprachtheoretische spekulation mehr, sondern handfestes und fast politisches statement: in einem wissenschaftlichen fragebogen wie natürlich von der voraussetzung auszugehen, dass menschen sich einem geschlecht zuordnen und dass geschlecht ganz wesentliches und nicht wegzudenkendes element der identitätsbildung ist, verschärft die probleme und wirkt aktiv dabei mit, das denken in dichotomen geschlechtskategorien tiefer in die köpfe der menschen einzuprägen. und dass es menschen gibt, die aus eurem untersuchungsraster rausfallen, die ihr mühsam aus eurem fragebogen raussortieren müsst, zeigt ja, dass ihr von der lebensrealität schon überholt worden seid.
und nebenbei: sicherlich dienten diese althergebrachten konzepte alle dem überleben, aber das heißt noch lange nicht, dass sie den anforderungen der modernen gesellschaft genügen. frauen müssen sich auch nicht schmutzig fühlen, wenn sie die regel haben, unsere hygienischen bedingungen haben eine lapalie daraus gemacht, trotzdem halten sich unsinnige vorstellungen davon, man findet im internet echt seiten, wo menschen fragen, ob das stimmt, dass der schweiß von menstruierenden frauen die butter sauer werden lässt. das ist albern, das hat in unserer welt nichts mehr zu suchen, das nützt nichts, das schadet. und: ja, davon müssen wir uns befreien, und daran gilt es mitzuarbeiten.
so, und jetzt gehe ich ins bett, meine güte, wie solch eine unterhaltung mitunter ausartet …
bis dann, viele gute grüße
klaus
11. FairyGodFather 30. Apr. 2011 – 10:00
Das ist nicht ganz das, was ich meinte. Mir ging es darum, dass wir gewisse Kategorien, in denen wir denken, gewissermaßen von Geburt an vorprogrammiert haben. Eine bestimmte Stimuluskonfiguration aktiviert ein bestimmtes Konzept in uns, ohne dass man es gelernt hätte oder sich dagegen wehren könnte.
So kann man ja sehr schnell erkennen, ob ein Objekt natürlichen oder künstlichen Ursprungs ist, ob es belebt ist oder nicht und hat darauf aufbauend völlig andere Fragen und Assoziationen, die dazu aufkommen. Diesen Unterschied wird man immer wahrnehmen, egal wie sehr man daran arbeitet.
Ein Konzept, dass bei Menschen sehr wichtig und gut ausgebildet ist, ist das zur Erkennung von Artgenossen. Das merkt man ja daran, wie schnell man irgendwo alles einigermaßen passend aussehende als Gesicht interpretiert. Sowas zu Beispiel: ^_^
Auch ein minimaler Input reicht dafür. Es gibt Animationen, in denen man nur ein paar Punkte sieht, die, wie an den Gelenken eines Menschen angebracht, verteilt sind. Stehen sie still, sieht man nur Punkte, bewegen sie sich jedoch in der passenden Weise, sieht man sofort einen Menschen darin.
Da man einer solchen Situation im Alltag wohl nicht begegnet, kann man nicht davon ausgehen, dass das gelernt oder anderweitig kulturell geformt wurde.
Und diese Befunde gehen nich weiter: Je nachdem, wie diese Punkte angeordnet sind, erkennt man, ob es ein Mann oder eine Frau ist. Dabei fehlen ja die Hinweisreize wie Gesichtszüge und Brustaufbau, an denen man sich sonst eher orientiert.
Das ist ein Hinweis darauf, dass die Kategorisierung in Mann und Frau sehr tief in uns verankert sind. Ich würde sogar sagen, dass es eines der basalsten und ursprünglichstes Konzepte in unserer geistigen Architektur ist. Insofern finde ich es auch nicht verwunderlich, dass es unser Verhalten derart stark beeinflusst.
Andersherum gibt es dann ja auch Konzepte, die uns fehlen und somit nicht von uns erkannt werden können. So kann man es, egal mit wie viel Mühe, nie schaffen etwas vierdimensional zu sehen. Man kann versuchen es zu trainieren, in dem man sich unendlich viele Simulationen ansieht, aber das ändert nichts.
Unser Konzeptapparat ist relativ ausgefeilt, daher geben wir uns gerne dem Glauben hin, die Welt so zu sehen, wie sie ist. Bei manchen Tieren kann man Phänomene beobachten, wenn Konzepte konfligieren und zu sehr absurdem Verhalten führen. Das ist bei ausgewachsenen Menschen kaum zu beobachten. Allein die Tatsache, dass es uns nicht auffällt, ist schon eine faszinierende Leistung unseres Bewusstseins.
Manche Konzepte mögen in der heutigen Zeit unpassend wirken, aber trotzdem können wir sie nicht ändern. Das ist in meinen Augen auch eher ein Indikator dafür, was für eine unnatürliche und ungesunde Lebenswelt wir uns aufgebaut haben. Jedes Tier hat sich so entwickelt, dass es gut an bestimmte Bedingungen angepasst ist. Wir haben diese längst verlassen, da muss man sich nicht wundern, wenn es Probleme gibt.
Aber das führt nun etwas vom Thema weg. Mir geht es vor allem darum, dass die dichotome Wahrnehmung von Geschlechtern etwas natürliches in uns ist. Die seltsamen Auswüchse davon, die du aus dem Internet zitierst, sind selbstverständlich darauf aufgebaute artifizielle Konstrukte. Das sehe ich ebenso und darum ging es mir auch nicht.
Die Menschen haben immer noch die gleichen Gehirne wie vor 10.000 Jahren und auch unsere geistige Struktur hat sich nicht verändert. Dazu reichen die paar neuen Ideen der letzten Dekaden nicht. Man kann diese natürlichen Anlagen nicht kulturell wegrationalisieren.
Zudem gibt es Geschlechter schon seit Milliarden von Jahren, wohingegen politische Ausrichtung und Bildungsstatus im Verhältnis unglaublich jung sind. Es ist nur logisch, dass sie weniger stark in uns verankert sind und unser Verhalten weniger stark prägen. Es ist auch fraglich, ob man diese Dinge vergleichen kann, denn Bildung und Politik sind tatsächlich kulturelle Phänomene, während das Geschlecht, wie du selbst sagst, biologisch festgelegte Anteile hat.
12. FairyGodFather 30. Apr. 2011 – 10:01
Verdammt, man darf maximal 5000 zeichen pro Message haben! Okay, dann mal hier der Rest…

Mit Geschlechtsrollen ist das natürlich anders. Dass hatte ich vorhin ja schon kurz aufgegriffen. Dabei hat man tatsächlich einen sehr großen kulturellen Faktor, wenn auch mit natürlichen Grundlagen. Die Konzepte haben sich da etwas verselbstständig kan man vielleicht sagen.
Heutzutage gibt es Menschen, die sich selbst zwischen den Geschlechtern einordnen. Häufig wohl als politisches Statement um zu zeigen, dass sie die strikte Rollenverteilung ablehnen. Das finde ich absolut angebracht, kein Thema. Wenn die Leute unter etwa sleiden, dann sind es die Rollenerwartungen, aber nicht die Zuordnung zu einem Geschlecht – außer natürlich bei Transsexualität.
Trotzdem wird es immer zwei Geschlechter geben und es wird wohl auch immer in unserem Denken eine Rolle spielen, egal wie viel Zeit vergeht und wie viele Judith Butlers sich darübe echauffieren.
Daher ist auch nicht davon auszugehen, dass die Formulierung eines Fragebogens etwas an dieser Kategorisierung ändert. Und dass bei uns gewisse Personen aus dem Raster fallen, ist nicht überraschend. Wir befragen keine Frauen, keine Transsexuellen und keine Transgender und keine heterosexuellen Männer, weil wir davon ausgehen, dass diese andere Erfahrungen machen und gewisse Items daher keinen Sinn machen würde.
Wir sind im Bereich der Sozialpsychologie aktiv, von daher ist es für uns ein Auswahlkriterium, welcher sozialen Kategorie sich jemand zuordnet. Auf jemanden, der sich einer untersuchten Kategorie nicht zuordnet, können die zugrundeliegenden Hypothesen und Wirkungsmodelle ja gar nicht zutreffen.
Geschlechtlichkeit ist ein wichtiger Bestandteil unserer Wahrnehmung, das ist über Jahrtausende gewachsen und wird sich auch nicht einfach kulturelll ändern lassen. Man kann so etwas nicht beeinflussen. Die Frage nach dem Geschlecht einer Person wird immer wichtig für uns sein, egal wie aufgeklärt wir uns gerade aufspielen.
Ich mag es, wenn solche Unterhaltungen ausarten, so lange sie vernünftig geführt werden. Am Anfang fand ich deine Formulierungen sehr polemisch, aber auf dem jetzigen Niveau mache ich gerne weiter.
Viele gute Grüße zurück
Nicolas
13. Weiszklee 01. May. 2011 – 21:43
Groah, danke für die ausführliche Antwort, also, der Reihe nach: Ja, ich mag das, zur Begrüßung die polemischen Beschimpfungen auszupacken, um jemanden aus der Reserve zu locken, weil man dann oft schneller zum wesentlichen Punkt kommt.

Zuerst mal, du unterschätzt, glaube ich, die Lernfähigkeit von Babys: Kurz nach der Geburt reicht es, wenn du denen eine helle und runde Scheibe vorhältst, und sie freuen sich, irgendwann interessiert sie die Scheibe nicht mehr und du musst schwarze Flecken draufmachen, ehe sie dir glauben, dass es ein Gesicht ist, und so weiter bis sie dann auch eine noch so naturgetreue Puppe von einem echten Menschen unterscheiden können. Es fällt mir tatsächlich schwer, mir vorzustellen, dass ein Baby, das eine helle runde Scheibe für ein Gesicht hält, bereits Konzepte von Männlich und Weiblich in sich trägt. Dass sie jedoch, da sie immer nur mit Menschen konfrontiert sind, die sich selbst als männlich oder weiblich definieren und ihre Bewegungen mit der sie umgebenden Gesellschaft in Einklang gebracht haben, irgendwann jeden noch so feinen Unterschied in der Bewegung von Leuchtpunkten verschiedenen Geschlechtern zuordnen können werden, ist etwas, das ich mir irgendwie vorstellen kann. Ich bin nicht sehr bewandert in der Richtung, aber ich bin mir sicher, dass zum Beispiel die Unterschiede zwischen Europäern und Chinesen noch eklatanter sein werden bei diesen Leuchtpunkten, oder glaubst du nicht, dass das größere Unterschiede sind? Und ich meine damit von genetischen Unterschieden unabhängige Dinge, also: Auch ein europäischstämmiger Mensch, der in China aufwächst, wird sich wie Chinesen bewegen und so weiter.


14. Weiszklee 01. May. 2011 – 21:44

Dass das Denken in dichotomen Geschlechtern uns natürlich erscheint, liegt nur daran, dass wir es sozusagen mit der Muttermilch aufsaugen, wir lernen es im gleichen Prozess, in dem wir das Sprechen und das Denken überhaupt lernen. Darum erscheint uns ein Denken ohne Geschlechter auch so unvorstellbar. Das darf uns aber nicht in Thesen oder Prognosen beeinflussen: Wenn du sagst, es werde immer zwei Geschlechter geben, dann ist das eine Setzung, ein (und jetzt komm mir bitte nicht mit: „Das ist ja bloß Sprachtheorie“) sprachlicher Akt des Festtretens der aktuellen Situation. Indem du sagst, es wird immer zwei Geschlechter geben, schaffst du diese Kategorien erst. Wenn du Menschen immer in zwei Geschlechter aufteilst, ehe du sie betrachtest, wirst du auch „Unterschiede zwischen den Geschlechtern“ festmachen können, aber damit hast du nichts geschafft, als dich selbst und die Voraussetzungen, mit denen du an die Betrachtung gegangen bist, zu bestätigen. Du sagst, ihr wollt Menschen aus eurem Fragebogen ausschließen, die sich einer anderen Kategorie als der von euch untersuchten zuordnen. Das ist sicher für eure Zwecke sinnvoll, es ging mir darum, eine außenstehende Perspektive einzunehmen und zu beobachten: Eure Setzung der Kategorien ist keine „natürliche“, sondern eine gesellschaftlich geformte, und, stärker noch: Eine die Gesellschaft formende. Indem ihr nach diesen Kategorien arbeitet, erzeugt ihr sie. In eurem speziellen Gebiet werdet ihr vielleicht Fortschritte machen und, wenn alles gut läuft, Missverständnisse aus dem Weg räumen oder so, aber eure Einteilung der Menschen in diese Kategorien ist eine Voraussetzung, hinter die ihr auf diese Weise nicht kommt, ihr diktiert die Kategorien, woher habt ihr die? Das einzige Argument, das du anführen kannst, ist die Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit eurer Kategorien, und die glaube ich dir nicht. Wie gesagt, euer Fragebogen schmeißt mich raus – aber ich bin keine Frau, ich bin nicht heterosexuell, ich bin nicht transsexuell und auch nicht transgender, ich fühle mich nur unwohl dabei, mich als festgelegt zu betrachten, und dabei geht es nicht nur um das, was du „Rollen“ nennst, auch das, was du als rollenunabhängig Männlich oder Weiblich nennst, sind nur Rollen, die sich an willkürlich festgelegte körperliche Maßnahmen bindet. Realität ist das, was nicht aufhört zu existieren, wenn du nicht mehr daran glaubst. Mein Penis hört nicht auf zu existieren, wenn ich aufhöre, an ihn zu glauben (zum Glück, ich mag ihn, und einige andere Menschen auch), so wenig wie mein linker Arm. Aber Männlichkeit? Wenn ich aufhöre, an mein Mann-Sein zu glauben, gibt es da auch nichts mehr, woran ich glauben könnte oder nicht, real bleiben dann lediglich die durchaus real existierenden und wirkungsmächtigen, aber nicht naturgegebenen und nicht unveränderlichen Konzepte in den Köpfen der Mehrheit der Gesellschaft, ähnlich wie das Konzept „Gott“ oder zumindest irgendein Konzept transzendenten Seins ja real und wirkungsmächtig in den meisten Menschen vorhanden ist und unser Zusammenleben und die Freiheit der Wissenschaften stört. Du weißt, dass die Existenz von Materie und die Harmonie der Natur einigen Menschen als Gottesbeweis genügt (denn Gott hat die Welt als harmonisches Ganzes erschaffen und Harmonie ist ein klares Anzeichen für Gott, steht schließlich in der Bibel). Genügen dir Penisse als Beweise für die Existenz von „Männlichkeit“ (denn Penisse sind ein klares Anzeichen für Männlichkeit, haben dir schließlich deine Eltern beigebracht)? Hat so ein individueller Glaube etwas in der Wissenschaft zu suchen? Nein, selbst wenn die Mehrzahl der Menschen daran glaubt.

Wo ist mein Platz in euren Kategorien? Und ich kann mir nicht vorstellen, dass ich ein Einzelfall bin, die Erkenntnis, dass „biologisches“ Geschlecht sozial konstruiert ist, hat zum Glück Einiges an Popularität gewonnen mittlerweile.

Viele schöne Grüße
Klaus

PS: Das Kurzschließen des Glauben an Geschlechter mit dem Glauben an Gott ist ziemlich gewagt, aber ich gehe mal das risiko ein, es als Pointe drin zu lassen und zu sehen, ob und wie du dich dagegen wehrst.
15. FairyGodFather 02. May. 2011 – 21:13
Ich mag diese Polemik nicht allzu gerne. Man trifft sie zu oft bei Menschen, die gerne große Töne spucken, aber eigentlich keine Ahnung haben. Beziehungsweise werden einige auch einfach aggressiv und unsachlich, nur wiel man Argumente gegen ihre Standpunkte vorbringt. Solche Diskussionen machen mir dann keinen Spaß.

Schön, dass du von Babys und Gesichtern anfängst 🙂 Daran kann man nämlich gut zeigen, wie viel Vorwissen sie schon haben. Zum Beispiel können sie schon kurz nach der Geburt verschiedene Gesichtsausdrücke imitieren – ohne diese jemals im Spiegel geübt oder sonstwie getestet haben zu können.
Dass sie anfangs auch auf einfachere Stimuli reagieren liegt zum einen ganz einfach an der noch nicht allzu gut entwickelten Wahrnehmung und zum anderen daran, dass erstmal alles neu und spannend ist, bis man sich daran gewöhnt hat.
Säuglinge haben nicht nur ein Konzept von Geschlecht, sondern noch von vielen anderen Eigenschaften. Sie unterscheiden die Geschlechter anfangs aber am Geruch und können darüber bei Frauen sogar Mütter identifizieren und differenzieren, ob diese stillen.
Zudem zeigen schon Kleinkinder eine Präferenz für attraktive Gesichter und schenken diesen signifikant mehr Aufmerksamkeit. Dabei sollte man ja vermuten, dass sie noch nicht so vorbelastet sind, in solchen Kategorien zu denken.
Sicherlich gibt es einen Einfluss von Lernerfahrungen. Im menschlichen Konzeptapparat gibt es viele freie Parameter, die erst ausgefüllt werden.
Aber wie gesagt, werden nur Parameter gesetzt. Die Grundstruktur ist bereits da, muss jedoch erst ausreifen. Die kulturellen Unterschiede, die du ansprichst. Anfangs können Kleinkinder gleichermaßen gut zwischen Individuen aller Ethnien differenzieren, sogar zwischen Affen. Erst später stellt sich die Präferenz für den eigenen Kulturkreis ein und die anderen sehen „alle gleich aus“ (Wobei ichder Ansicht bin, dass es bei Asiaten auch objektiv Eigenschaften gibt, die eine geringere Bandbreite haben als bei uns, wie Hauttypen, Augenfaarbe, Haarstruktur und -farbe).
Das ist eine Art Lernprozess, aber einer, bei dem Fähigkeiten verlorengehen. Wir kommen demnach mit mehr auf die Welt, als wir später haben.
Bei dem Lichtpunkten ging es im übrigen nicht um die Gangart, sondern um die Proportionen, die sich ja zwischen den Geschlechtern systematisch unterscheiden.
So kann man zum Beispiel feststellen, wie die Kausalitätswahrnehmung bei Babys verschiedene Entwicklungsstufen durchläuft und sich weiterentwickelt. Und das schon das mit noch nicht einmal einem halben Jahr, also lange bevor sie darüber sprechen können.
Sprache ist zudem ein weiteres gutes Beispiel für etwas, dass man eindeutig als erlernt betrachten würde, aber tatsächlich auch nur ausreift und in Abhängigkeit von der Kultur geprägt wird, wenn zu den entscheidenden Phasen der nötige Input kommt. Fehlt dieser, so kann es später nicht adäquat nachgeholt werden. Das zeigt ja, dass es kein einfacher Lernprozess ist, der nur ausreichend von außen kommen muss.
Andererseits ergänzen Kinder selbst einen unvollständigen Input, wenn er noch ausreichend ist und entwickeln aus sich selbst heraus eine Art neue Sprache. So ist es zu der Entstehung der Kreolsprachen gekommen. Ein anderes Beispiel gab es in speziellen Einrichtungen für taubstumme Kinder in Nicaragua, wo es bis dahin keine eigene Zeichensprache gab.
16. FairyGodFather 02. May. 2011 – 21:13
(zur zweiten Mail)
Mit Sprachtheorie werde ich hier bestimmt nicht anfangen! Ich finde es unglaublich lästig, wenn Leute versuchen, eine Debatte auf ein sprachliches Problem zu reduzieren und dabei den Kern der Sache verlieren oder dadurch ignorieren, dass sie das eigentlich wichtige an der Diskussion nicht kapieren!
Ich bleibe bei der Ansicht, dass Geschlecht wie viele andere Dinge in unserem Geist vorprogrammiert ist. Es wäre seltsam, wenn ein reproduktiv derartig bedeutsamer Aspekt vernachlässigt wurden wäre.
Willkürlich ist diese Festlegung ja keineswegs: Es gibt seit Äonen die zweigeschlechtliche Fortpflanzung. Insofern schlägt sie sich natürlich im Verhalten und Denken der Lebewesen wieder.
Und es gibt auch Unterschiede im Verhalten der Geschlechter, die hormonell und neurologisch bedingt sind, also nicht kulturell vermittelt wurden. Auch wenn du versuchst, dein Mannsein wegzudenken, wird es dich beeinflussen.
Es handelt sich dabei natürlich nur um Tendenzen. Man muss immer den Einzelfall sehen und darf niemanden auf sein Geschlecht reduzieren. Dass Vorurteile problematisch sind, habe ich nie geleugnet.
Aber für unsere angeorenen Konzepte habe ich ja einige Belege gegeben und auch Geschlechtlichkeit gehört mit dazu. Und die biologischen Vorgaben sind nicht nach Gesichtspunkten politischer Korrektheit oder Allumfassung gewachsen.
Den Vergleich mit dem Glauben an Gott finde ich dementsprechend ziemlich hakend. Innerhalb deiner Theorie ist es jedoch konsistent. Und auch Glauben kann man letztlich auf natürliche Konzepte zurückführen. Aber das Thema sollten wir wenn lieber seperat angehen, weil ich dazu noch mehr sagen könnte.
Um das eigentlich relevante noch einmal zusammenzufassen: Ich halte das Geschlechtskonzept für angeboren (also natürlich), daher kann man es nicht festigen oder andersherum loswerden, aber man kann unterschiedlich damit umgehen.
Eine kleine provokative Frage am Rande wäre ja auch, warum du so großen Wert darauf legst in keine dieser Kategorien zu passen. Ist dieser Einzel(oder Sonder-)fallstatus nicht auch verführerisch? Du siehst diese Erkenntnis ja als geistigen Fortschritt an.

Viele Grüße zurück
Nicolas
17. Weiszklee 03. May. 2011 – 02:27
In der Tat sind die existierenden Kategorien allesamt so unsympathisch, dass ich es als angenehm empfinde, mir die Freiheit herauszunehmen, mich nicht selbst zu einer von ihnen zu zählen. Ein geistiger Fortschritt ist, das als Freiheit wahrzunehmen und nicht als Selbstzweifel, jawohl. Ich bin auch weit weg davon, zu behaupten, dass ich frei von diesen Kategorien wäre, das wäre in der Tat illusorisch, aber die Möglichkeit auszuschließen, dass es einmal möglich sein wird, finde ich kurzsichtig, na ja, meine persönliche Meinung.

OK, also du „bleibst dabei“, dann schaffe ich es wohl nicht da weiter vorzudringen. Die wissenschaftlichen Untersuchungen, die du ansprichst, sind sehr interessant, mir fehlt die Expertise, um Gegenbeispiele zu bringen (obwohl man sie mit Sicherheit auftreiben oder unter Laborbedingungen produzieren könnte), aber sie widersprechen mir ja nicht. Es macht noch immer einen Unterschied, ob ein Baby erkennt, von wem es Milch kriegt, oder ob es „Männer“ und „Frauen“ als wesenhaft verschieden denkt und ob sein gesamtes Denken von dieser Zentraldichotomie beherrscht wird. Also, keines deiner Beispiele macht ganz fraglos ein Denken in Zweigeschlechtlichkeit nötig, um es zu erklären. Du siehst, ich brauche, um der Notwendigkeit deiner Schlussfolgerungen zu widersprechen, noch nicht mal die große theoretische Keule herauszuholen und zu sagen: Wer solche Untersuchungen macht, geht ohnehin von einer Teilung der Menschheit in Männlich und Weiblich aus und wird nur Fragestellungen entwickeln, die auf dieser Grundannahme aufbauen, und wird im Ergebnis dann nicht mehr geschafft haben, als die Einteilung, von der er ohnehin ausgegangen ist, reproduziert zu haben. Jemand muss das, was das Baby tut, interpretieren und sagen: „Aha, bei einer Frau so, bei einem Mann so“, und das kann er nur, weil er bereits vorher zu wissen meint, was Frauen und was Männer sind. Wie weit die Untersuchungsergebnisse absolut sind und wie weit nur graduelle Unterscheidungen im Durchschnitt (wie bei „Männer sind größer als Frauen“) mit wenig Aussagekraft für den Einzelnen und noch weniger Rechtfertigung für eine grundsätzliche Kategorisierung der Menschheit, ist außerdem auch nicht gesagt.

Ich weiß nicht, ob wir mit unserer Diskussion noch weiterkommen, du hältst das Geschlechtskonzept für angeboren, ich bezweifle die Existenz von Geschlecht. Dieser Streit wird an anderen Stellen noch sehr viel erbitterter geführt und die Fronten sind verhärtet, ich weiß nicht, ob man sich auf etwas wird einigen können. Ich halte ja allein schon die Möglichkeit, an der Existenz der Geschlechter zu zweifeln und die Notwendigkeit, die „Selbstverständlichkeit“, dass es Männer und Frauen gibt, erst zu beweisen, für spannend und erkenntnisfördernd.
Und als kleinen Nachsatz: Eine gewisse Affinität zu theoretischen Überlegungen, die jenseits dessen liegen, was man sich noch vorstellen kann, kann ich nicht verleugnen, die Lernprozesse, die mich dazu führten, sind wahrscheinlich aber zu kompliziert, um sie noch zu rekonstruieren.

Bestes
Klaus
18. FairyGodFather 03. May. 2011 – 06:50
Du hast recht, ich habe keine Studie aufgeführt, die exakt zu dem Thema passt. Mir fällt auch leider keine ein. Mir ging es auch darum, die allgemeine Angeborenheit von Konzepten zu belgen, weil an dieser Erkenntnis letztlich nichts vorbeiführt, beziehungsweise eine andere Herangehensweise nicht mehr al sinnvoll gesehen werden kann.
Du räumst selber ein, dass du gar keine Beweise für deinen Ansatz nennen kannst. Das ist genau das Problem, was ich damit habe. Es war auch einer der ersten Punkte, die ich genannt habe: Man hat keine empirischen Belege dafür, es ist nur eine Hypothese.
Sicherlich ist deine Ansicht in sich schlüssig und plausibel, aber das ist sind viele andere Theorien auch. Das ist kein Beleg dafür, dass sie einer empirischen Prüfung standhalten.
Dich stört, dass die Studien Geschlechtlichkeit voraussetzen und daher nur ihre Voraussetzung bestätigen. Das ist aber der normale Weg. Man nimmt eine Variable und prüft, ob sich ein signifikanter Unterschied ergibt. Es hätte sich ja auch keiner zeigen können, aber es gab einen. Und auch Befunde zu replizieren ist in der Wissenschaft sehr wichtig.
Und dass man immer nur Tendenzen findet, ist auch kein wirkliches Manko. Mehr wird man nie finden können. Auch das hatte ich ja bereits selbst zum Ausdruck gebracht. Für den Einzelnen muss es ja nie gelten.
Im Folgenden gehe ich einfach mal von der Existenz von Geschlechtern aus. Männer sind im Durchschnitt größer als Frauen. Dennoch ist ein kleiner Mann keine Frau und andersherum. Es ist ein geschlechtstypischer, kein geschlechtsspezifischer Unterschied. Und so verhält es sich mit fast allem.
Ich gebe dir recht, dass es spannend ist, das Geschlechtskonzept zu hinterfragen. Und erkenntnisfördernd sicherlich auch. Auch das habe ich schon selbst gesagt. Eine Affinität zu unvorstellbaren Gedankengängen habe ich ebenfalls.
Allerdings fürchte ich auch, dass wir mit unseren sehr unterschiedlichen Herangehensweisen wohl nicht auf einen gemeinsamen grünen Zweig kommen werden. Meine zentrale Annahme ist, dass alles Konzepte angeboren sind und nichts daran gelernt oder verändert werden kann. Du gehst von einer rein kulturellen Prägung aus. Im Grunde ist es die alte Anlage-Umwelt-Diskussion.
Die verhärteten Fronten liegen wahrscheinlich auch an der Politisierzng, die in diese Debatte oft hinein spielt und von mir als großes Problem betrachtet wird. Damit verschließt man sich vor neuen Erkenntnissen und hält nur aus Prinzip an der Meinung fest.
Gerade bei Autoren wie Judith Butler habe ich diesen Verdacht. Sicherlich sind die Motive die mal hinter ihrer Politisierung standen nicht verwreflich, aber ihre – ich nenne es mal – Verbissenheit finde ich gefährlich und unprofessionell.
Aber auch über diese Ansicht kann man natürlich streiten.

Auf jeden Fall hatten wir bis hierher schon eine spannende Debatte.

Beste Grüße
Nicolas
19. Weiszklee 04. May. 2011 – 19:58
Es ist erstaunlich, wie du mir die Worte im Munde umdrehst, ich hätte gesagt, ich hätte keine „Beweise“? Wie soll man auch Beweise dafür geben, dass es etwas nicht gibt? Ich würde jetzt mit Russels Teekanne kommen, aber du sagtest ja bereits, dass du die Analogie zum Gottglauben zwar für konsistent hältst, aber geflissentlich ignorierst. Die Existenz von Geschlechtern ist die Hypothese, die jeder voraussetzt und niemand beweisen kann. Und hör bitte auf, es als erwiesen anzunehmen, dass es so etwas wie angeborene Denkkonzepte gibt, nicht eine einzige der zahlreichen Untersuchungen, die du hier angebracht hast, belegt das oder legt es auch nur nahe. Du bist derjenige, der nur aus Prinzip an der Meinung festhält. Ich äußere keine abenteuerlichen Thesen, ich zweifle nur die abenteuerlichen Thesen an, die du vorbringst, und dann verlangst du Beweise? Allein die Möglichkeit, an der Existenz von Geschlechtern zu zweifeln, ohne sich in Widersprüche zu verwickeln oder in Widerspruch zu empirischen Belegen zu kommen, genügt, um dieses gewohnte Konzept aus dem Denken zu streichen. Man nennt dieses Vorgehen Ockhams Rasiermesser und es ist ein Grundprinzip deiner guten Wissenschaftlichkeit.

Die Politisierung des Ganzen steht natürlich auf einem ganz anderen Blatt, sie rührt aus der schlichten Tatsache, dass man nie rein konstative Aussagen über Geschlecht treffen kann, sondern mit jedem Satz an dessen Konstruktion oder Dekonstruktion aktiv mitzuarbeiten. Das ganze Feld ist von vornherein zutiefst politisch, Judith Butler ignoriert das halt nicht, sondern versucht es bewusstzumachen. Ich wiederhole auch: Nicht einfach nur das, was wir mit den Geschlechtern verbinden, ist ein Problem, sondern der Glaube an Geschlecht überhaupt. Wir können nicht glauben, eine Gesellschaft der Toleranz bauen zu können, wenn wir glauben, Kinder von Geburt an (Ja, sogar schon viele Monate vor der Geburt) in eine von zwei Kategorien stecken zu müssen und je nachdem, in welcher sie landen, unterschiedlich zu erziehen, weil wir glauben, von wesenhaften Unterschieden dieser Kategorien ausgehen zu müssen. Jede Wissenschaft ist politisch, und wer Politisierung als Problem für die Wissenschaftlichkeit ansieht, wirkt in letzter Instanz immer nur systemstabiliesierend. Es ist ja auch ganz nachvollziehbar, dass man das System nicht in Frage stellt, wenn man von ihm profitiert und nur ihm zu verdanken ist, dass man an seiner Wissenschaft weiterarbeiten darf, ohne sich Gedanken über die Politik machen zu müssen und ohne je ein schlechtes Gewissen bekommen zu können.

Ich weiß nicht ob du meine Nachricht jetzt wieder polemisierend nennst oder nicht, es ist mir auch mittelmäßig egal, gelassenes Argumentieren scheint dich so wenig zu überzeugen wie schärfste Polemik.

Ich habe jetzt übrigens versuchsweise angegeben, ich sei ein Mann, um einen Blick auf den Fragebogen werfen zu können, aber ich habe es sehr schnell abgebrochen, weil ich ähnliche Unverschämtheiten wie die genannten ständig sah: „Bezogen auf die Leistung, die ich erbringe, fühle ich mich als wertvolles Mitglied der Gesellschaft behandelt“ – Verdienen etwa nur leistungsstarke Menschen, als wertvolle Mitglieder der Gesellschaft behandelt zu werden? Auch nur den geringsten Zusammenhang zwischen Leistung und Recht auf Akzeptanz vorauszusetzen, ist eine Frechheit, die ich mir nicht bieten lassen muss.

Beste Grüße
Klaus
20. FairyGodFather 04. May. 2011 – 21:20
Man kann durchaus beweisen, dass eine Kategorisierung nicht zu der Wirklichkeit passt. Es ist zwar mit gewissen Schwierigkeiten verbunden, aber es geht.
Die Analogie mit dem Gottglauben passt zu deiner Vorstellung von Geschlecht, da ich diese aber anzweifele, ist sie für mich natürlich irrelevant.
Ich habe nur ein paar Studien zitiert, aber unsere geistige Struktur ist zu einem großen Teil von Anfang an festgelegt, eine andere Erklärung ist explanatorisch nicht fruchtbar.
Du hast vielleciht in deinem Gedankengang keine Widersprüche, entfernst dich aber von dem, was natürlich gegeben ist und hängst somit gewissermaßen in der Luft. Und du gerätst damit durchaus in Widerspruch zu empirischen Belegen, während du selbst keinen einzigen vorgebracht hast. Darauf wollte ich mit „keine Beweise“ hinaus.
Und über Occams Rasiermesser solltest du vielleicht nochmal aufmerksam informieren.
Und dass die Kategorisierung zu einem Geschlecht automatisch zu Schwierigkeiten und Einschränkungen führt, ist auch in keinster Weise belegt.
Die Aussage, dass Wissenschaft immer politisch sei, ist auch unhaltbar. Sie dient, wie der Name schon sagt, der Mehrung von Wissen. Dabei politischen Ideologien oder auch nur Interessen zu folgen, schränkt das blickfeld definitiv ein und ist in keinster Weise förderlich.
Deinen Vorwurf der Systemstabilisierung finde ich auch ziemlich weit hergeholt. Auch diese wäre eine Form von Politisierung, welche allgemein vermieden werden sollte.
Und deine Argument überzeugen mich nicht, das stimmt. Ich sehe nunmal keinen wirklichen Beleg für deren Richtigkeit in deinen Ausführungen. Dass etwas plausibel und vorstellbar ist, reicht mir einfach nicht aus. Dabei hat man doch noch keinerlei Erkenntnisgewinn.

Das Item, an dem du dich störst, soll genau dazu dienen festzustellen, ob eine solche Meinung vorliegt. Damit sagen wir doch in keinster Weise, dass dieser Standpunkt richtig ist.

Viele Grüße
Nicolas
21. Weiszklee 04. May. 2011 – 21:48
OK, du musst Polemik noch ein bisschen lernen. Gebetsmühlenartig seinen Standpunkt zu wiederholen, hat wenig Erfolgsaussichten, auch wenn man Wörter wie „explanatorisch“ benutzt.

Zu glauben, man könne es sich leisten, unpolitisch zu sein, hat große politische Auswirkungen, das meinte ich mit „systemstabilisierend“.

Bestes
Klaus
22. FairyGodFather 04. May. 2011 – 21:52
Ich versuche einfach meinen Standpunkt möglichst deutlich zu machen und auf verschiedene Weisen zu belegen. Da sidt für mich das entscheidende an einer solchen Diskussion.

Und ich habe nie gesagt, dass man unpolitisch sein sollte. Nur dass es in der Wissenschaft nicht weiterbringt.
23. Weiszklee 04. May. 2011 – 21:56
Das Wissenschaft jenseits von politischen Ideen einfach nur „weiterkommen“ könne, ist ein krasse politische Aussage. Aber damit haben wir uns endgültig von unserer Diskussion entfernt. Du hast übrigens noch nicht darauf reagiert, dass ich dir vorwarf, keinen einzigen stichhaltigen Beleg für deinen Standpunkt gegeben zu haben.
24. FairyGodFather 04. May. 2011 – 22:00
Naja, Diskussionen entwickeln sich eben. Was wäre denn dein Bild von Wissenschaft?

Doch, das habe ich. Die Ansicht einer angeborenen Konzeptstruktur habe ich mit mehreren Studienergebnissen belegt. Du kannst natürlich sagen, dass du diese nicht plausibel findest. Es gäbe noch mehr Befunde aus Wahrnehmunsforshcung, vergleichender Ätholgie und Säuglingsforschung. Aber da swill ich nicht unbeidngt alles hier ausformulieren.
25. Weiszklee 04. May. 2011 – 22:19
Dass ein Baby stillende Mütter am Geruch erkennt, beweist für meine Begriffe nicht hinreichend, dass eine Einteilung der Menschen in zwei Geschlechter „natürlich“ ist (alle Menschen, die selbst die Biologie in keines der beiden Geschlechter einzuordnen weiß, komplett ignorierend), und ob deine „Befunde aus der Wahrnehmungsforschung“ das besser belegen, kann ich schwer sagen, und selbst wenn sie wie du sagst die Existenz einiger angeborener Konzeptstrukturen belegen, wie du behauptest (dass diese schwierig empirisch zu belegen sind, kann ich mir schon vorstellen), sagt noch immer nichts über Geschlechtskonzepte aus.

Mein Bild von Wissenschaft? Oh, ich glaube nicht, dass wir uns so sehr unterscheiden, nur von der politischen Verantwortung möchte ich sie nicht befreien.
26. FairyGodFather 04. May. 2011 – 22:27
Ich sage auch nciht, dass es keine politische Verantwortung gibt. Mir ist nur Unvoreingenommenheit wichtiger und ich finde den Aspekt, dass Wissenschaft nicht für andere Zwecke (zum Beispiel auch wirtschaftliche) eingespannt werden sollte, beziehungsweise es letzten Endes auch nicht kann, sehr entscheidend.

Es ging eher darum, dass schon Säuglinge Männer und Frauen unterscheiden, also wohl einen Unterschied wahrnehmen. Dass mit dem Stillen habe ich nur ergänzt um zu zeigen, wie viel sie insgesamt schon können.
Du hast recht, dass Menschen mit Intersexsyndromen dabei vernchlässigt werden. Das ist aber nicht meine eigene böse Absicht. Unsere Strukturen berücksichtigen solche Fälle eben nicht hinreichend. Der Natur ist polotische Korrekheit egal (bildlich gesprochen). Nur das, was evolutionär relevant ist, bleibt erhalten.

Es gibt in der Tat so gut wie keine Forschung zu den Geschlechtskonzepten. Wenn man jedoch von der angeborenen Kategorien ausgeht, ist es nur konsequent, dies auch auf eine solche elementare Kategorie zu übertragen.

An dieser Stelle verabschiede ich mich für heute, ich brauche dringend Schlaf.

Bis bald und beste Grüße
Nicolas
27. Weiszklee 04. May. 2011 – 22:31
Schlaf gut.

Veröffentlicht unter Symptomatische Konversation | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , | 5 Kommentare

Bad Hair Day

Wie ich zur Bushaltestelle Steingrube komme und die türkische Frau dort sitzen sehe und schlussfolgere, dass die 3 noch nicht gekommen ist und wie die Frau mitihren seltsa halben Fingern auf ihrem Handy herumtippt und es immer wieder fest an ihr Ohr drückt, ohne zu sprechen, und die Tafel mit den Abfahrtszeiten, die abgefallen sein muss und neben der Frau auf der Bank liegt, und wie der Bus sehr lange nicht kommt und wie ich mit Seitenblicken festzustellen versuche, ob die Finger der Frau an beiden Händen so deformiert sind oder nur an der, die ich immer sehe, während ich über Kopfhörer mal wieder Bob Dylan höre, nach langer Zeit mal wieder, und ihn mal wieder ziemlich gut finde, und wie die Frau, als der Bus doch endlich kommt, 13 Minuten zu spät oder 2 Minuten zu früh, nicht mit einsteigt, sondern sitzen bleibt und mit ihren halben Fingern ihr Handy ans Ohr hält und so merkwürdig dringend schaut dabei und wie ich im Bus mit Jan Berning spreche, mit dem ich sonst kaum je etwas zu tun habe, und wie ich mit ihm an der Hauptuni aussteige, weil der Bus nicht zur Domäne fährt, und wie ich in den Schreibwarenladen vor der Uni gehe, weil ich über eine halbe Stunde zu spät käme, wenn ich jetzt noch auf die 4 warten und dann vom Leinkamp runterlaufen würde, und die Verkäuferin nach diesen besonderen Eddings frage, mit denen ich mir unseligerweise angewöhnt habe zu schreiben, und die ich sicher bin, hier gekauft zu haben, aber jetzt nicht finde, die dann jemand anderen fragt, der an dem uralten Computer herumtippt und mir verspricht, sie werden die besonderen Eddings wieder ins Sortiment aufnehmen, und wie ich wieder zur Bushaltestelle gehe und Juliana vorbeikommt und mich fragt, ob ich etwas von dem Busfahrerstreik wisse, sie habe gehört, die fahren nur noch so wie in den Sommerferien, und ich nein sage, ich wisse nichts davon, und mich dabei ertappe, mich wie zu einem Kind zu ihr hinunterzubeugen, nur weil sie so klein ist, und wie ein schöner Mann mich gleich daraufhin anspricht, ob ich oder die Kleine nun mehr über die die Bussituation gewusst haben, und ich nur sage, dass ich keine Ahnung habe, was los sei, und wie dann irgendwann die 4 doch kommt und ich einsteige und gegenüber eines schönen Mannes zu sitzen komme, was für einen einzigen Tag in Hildesheim einen ziemlich guten Schnitt an schönen Männern bedeutet, und wie der Bus dann am Immengarten fast nicht hält, obwohl ich auf den Knopf gedrückt habe, und wie das Bob-Dylan-Album genau in dem Moment zu Ende ist, in dem ich in meinem Zimmer ankomme.

http://en.musicplayon.com/embed?VID=461198&autoPlay=N&hideLeftPanel=Y

Veröffentlicht unter Kritzeleien | Verschlagwortet mit , , , | 9 Kommentare

Der Erste Song

Was mein Erster Song gewesen sei, wurde ich vor ein paar Wochen gefragt, mit einem großen E, wie die Frage nach einem allgemein geläufigen Topos klang das, wie eine Freundebuch-Standardfrage, ein Offline-Mem, ein unverfängliches Thema, um peinliche Gesprächspausen im Restaurant zu überbrücken, und wie ein implizites Versprechen, mehr über das Wesen des Gegnübers zu erfahren, Vertrautheit herzustellen. Was ist der Erste Song, den ihr je hörtet, den ihr bewusst wahrgenommen habt?

Ich wusste wie immer in solchen Situationen nichts recht zu antworten. Meine Jugend war erschreckend musiklos, sagte ich wohl, das stimmt auch, jahrelang machte ich mir selbst nie Musik an, manchmal Klassik, ohne etwas davon zu verstehen, aus einer seltsamen möchtegern-hochkulturellen Distinktion heraus. Erst mit 18 oder so fing ich an, die Bob-Dylan-Alben meines Vaters durchzuhören, bis dahin waren mir die oft im Ohr gewesen (Wie aller möglicher anderer Kram, der in Haushalten dieser Generation so läuft), aber nur als Hintergrunduntermalung. Von da an ging es dann erstaunlich schnell bis zu dem verrückten Zeug, das ich heute höre.

Als Kind hörte ich eine Tonbandkassette mit Kinderliedern (die, wie ich später erschrocken feststellte, nur eine Sammlung von Zeichentrickfilm-Intros war) in Endlosschleife und eine Kassette meiner Mutter mit Songs aus den 60ern, oder waren es 80er? Und waren die vom Radio aufgenommen oder war das eine gekaufte Kompilation? Ich weiß nicht einen einzigen Titel, ich weiß nicht mal, ob ich einen der Songs wiedererkennen könnte, wenn ich zufällig einen hörte, obwohl zwei oder drei mich extrem begeisterten und ich andere weiterspulte, um sie nicht zu hören. Den einen Song konnte ich so sehr nicht leiden, dass ich ihn mit der für Kinder üblichen Sturheit permanent weiterspulte, wann immer ich die Kassette hörte, worunter die Tonbandqualität litt, und genau an der gleichen Stelle auf der anderen Kassettenseite war der beste Song überhaupt – es war verstörend, als ich den nicht mehr ohne Angst vor Bandsalat hören konnte. Kulturgenuss als Kulturzerstörung, one of the deepest and most disturbing concepts in my world.

Als Ersten Song möchte ich aber einen anderen bezeichnen, auch wenn ich wirklich nicht genau sagen kann, ob die hier zu behandelnden Ereignisse tatsächlich vor oder erst nach der Phase mit der 60er- oder 80er-Kassette passierte: Meine Mutter schneidet mir die Haare in der Küche, im Wohnzimmer nebenan läuft der Song im Fernsehen, ich renne ins Wohnzimmer, um den zu hören und sehe zum ersten Mal das Video mit dieser gold angemalten Frau. Oder: Ich sitze im Wohnzimmer und bin von dem Song begeistert und meine Mutter ruft mich in die Küche, weil sie mir die Haare schneiden will. Oder: Ich hörte den Song schon öfter und einmal auch beim Haareschneiden und meine Mutter stört sich daran, dass ich seinetwegen nicht still sitze. Oder so ähnlich. Oder ich vermische zwei verwandte Erinnerungen zu einer. Auf jeden Fall begeisterte mich der Song, und weil er erheblich beliebt war, kam es seinerzeit immer wieder vor, dass ich Ausschnitte davon hörte oder zu hören meinte, und auch in der Zwischenzeit bis heute hörte ich ihn immer wieder irgendwo, in ganz unregelmäßigen Abständen. Vor gut zwei Jahren merkte ich mir einmal den Namen und fand ich ihn damit sehr leicht im Internet (ich bin erst seit gut drei Jahren im Internet unterwegs) und war recht erschüttert von der Vermischung von Erinnerung an kindliche Begeisterung und aktueller Wahrnehmung.

Zombie von den Cranberries kam 1994 raus (In dem Jahr kam auch meine kleine Schwester raus, höhö) und blieb wie gesagt viele Wochen lang überpräsent. Ich muss ihn also mit 6 oder 7 gehört haben, das entschuldigt vielleicht, dass ich gar nichts davon wirklich wahrnahm. Also, die harten Klänge bemerkte ich wahrscheinlich ziemlich gut, die waren eine Seltenheit in unserem Haushalt, das Äußerste, was sonst an Rock’n’Roll bei uns passierte, war, dass meine Mutter mit mir zu Dirty Dancing tanzte, den sie ständig zum Bügeln schaute. Und ich erinnere mich an meine Eindrücke von der gold angemalten Frau, und ich muss wohl auch diese merkwürdig verfremdete christliche Symbolik in diesen Szenen wahrgenommen haben, ohne sie freilich in einen Zusammenhang setzen zu könne, ich merkte nur: Irgend etwas war daran verkehrt. Also, es ist klar, dass ich die politischen Hintergründe aus dem Video nicht verstand, aber diese unschuldige Begeisterung für die abgehobene, unwirkliche Ästhetik dieser Einstellungen mit der goldenen Frau und den Kindern erstaunt mich doch von der heutigen Perspektive aus. Ich weiß nicht, ob es an der schamlosen Verzerrung christlicher Symbolik lag, jedenfalls sah es meine Mutter, glaube ich, nicht so gern, dass ich den Song mochte, heute ist sie in der Richtung (wie in allen anderen auch) entspannter.

Sie unterhielt sich einmal mit einer Freundin in meinem Beisein über den Song. Die brachte sich viele Jahre später um, sie soll viel Falco gehört haben, erzählt meine Muttert immer, wenn im Radio Falco läuft. Diese Freundin sagte etwas wie: Ja, die seien sehr interessant und der aktuelle Song natürlich ein wichtiges Statement, das Video aber in der Tat ein bisschen übertrieben. Wie eine überdrehte musikjournalistische Aussage klang das, ich weiß nicht, ob sie wegen meiner Mutter so vorsichtig war oder immer so klang, ich erinnere mich sonst kaum an sie. Meine Mutter erzählte mal, der Mann dieser Freundin habe sie einmal, als sie schon mehrere Selbstmordversuche hinter sich hatte, Auto fahren lassen, mit ihren beiden Kindern im Auto drin, und dass sie das unverantwortlich gefunden habe, die hätte ja nur einmal das Lenkrad rumreißen müssen und das entgegenkommende Auto auch noch mit ins Unglück gerissen, das ja auch hätte voll besetzt sein können, fast zehn Menschen hätten da noch zusätzlich sterben können. Das ist die stärkste Erinnerung, die ich mit dieser Freundin meiner Mutter verbinde. Ich weiß nicht, wann sie dann gestorben ist (ohne jemand anderen mitzureißen, nur ihr Mann und ihre Kinder haben ein ziemlich zerrüttetes Leben seitdem), auf dem Friedhof auf ihrem Grabstein steht es, ich könnte nachsehen, wenn ich wieder im Brandenburgischen bin.

Genug der Abschweifung. Meine Mutter antwortete ihr damals jedenfalls, „er hier“ (und dabei zeigte sie auf mich) sei ganz unverständlich begeistert von dem Lied, aber das liege nur an dem Video. Ich weiß noch, irgendwie traf mich das ziemlich, als so oberflächlich und so leicht beeindruckbar hingestellt worden zu sein, und ich meine auch, noch zu wissen, dass ich mich daraufhin anstrengte, auch die Musik gut zu finden oder mich zu erinnern, dass ich auch die Musik von Anfang an gut fand. Es ist eine ziemlich komplizierte Sache, ich kann den Knoten nicht aufdröseln, in dem Geschmacksurteil, Erinnerung, Selbstzensur, Verklärung der Vergangenheit, aktuelle Wahrnehmung und von außen okroyierte Meinungen sich hier gegenseitig beeinflussen. Aber ich kann diese punktuelle Verdichtung als solche wahrnehmen, und das macht diesen Song für mich unbestreitbar zu meinem Ersten Song.

Wer das liest, mag vielleicht selbst nachdenken, was sein Erster Song war, oder bei passender Gelegenheit seine Mitmenschen fragen, was deren Erster Song war. Ich habe es als aufschlussreiche, die Gesprächspartner verbindende und Gesprächsthemen produzierende Frage erlebt.

Veröffentlicht unter Erinnerungsarbeit, Kritzeleien, Rezeptionserfahrungen | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | 3 Kommentare

Grundproblem

die dogmatische Illusion der Möglichkeit, einen Diskurs von außen und objektiv betrachten und nachvollziehbar beschreiben zu können (Grundvoraussetzung wissenschaftlichen Sprechens)

versus

die dogmatische Illusion der Existenz von in sich selbst ruhenden Diskursen, die keine Vermittlung, sondern nur ein Glauben erlauben (Musterbeispiele sind die Diskurse Gott und Liebe, wobei die genaue Beziehung zwischen den beiden sich meiner jetzigen Kenntnis entzieht)

Veröffentlicht unter Ziellose Überlegungen | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | 1 Kommentar

Transkribierte Kritzeleien

Im IC. Mit gegenüber ein junger Schwuler, der für jede Entität in der Welt ein je spezielles Augenrollen kennt und auf einem beim DVD-Abspielen ratternden Mac eine Folge Gilmore Girls aus einer Sammelbox, die er mitführt, schaut. Links eine Irgendwas-Studentin, die die Zugfahrt zum Lesen von Readern nutzen will und Stifte in zwei Farben plus einen pinken Leuchtstift zum Hervorheben und ein Lineal und einen Schreibblock zusammen mit dem dünnen Reader aus ihrer Umhängetasche holte. Eine Schere leider nicht.

Jetzt (genauer: nachdem ich oben die zweite Zeile geschrieben hatte) wurde ich von meinem Platz vertrieben von einer Reisegruppe, die sich Sitzplätze reserviert hatte. Das ist schade, ich hatte dort einen Tisch und hätte mich mit den beiden Nachbarn besser amüsiert als hier neben der Bratze mit der Vokuhila-Gedächtnis-Frisur, die blöd auf meine schrift starrt, die sie nicht entziffern kann. Sie hält ihre Hände seit vielen Minuten zu ruhig für einen normalen Menschen. Ich stelle mir vor, was wäre, wenn ihre großen Ohrringe wir Knöpfe aussähen.

Ein Fahrkartenkontrolleur, der jünger ist als ich. Jetzt fängt es an.

Die Bratze telefoniert und ich kann nicht schlafen. Weeße, wie ich meine? Ich denke da imma an dit Sprichwort: Dit passiert halt eben so, wenn man einen Typen kennenlernt. Dit is eben die eine Welt, sag ich mal. Guck doch ma Facebook an, jeder schreibt da irgend n Scheiß.

Und so weiter. Sie spricht „eben“ mit einem D hinten.

MP3-Player for the win, dringend.

Erstaunlich, wie gut Nico zu solchen Gelegenheiten ist,

Romananfang, spontan: Kleinkinder, die mit ihren Eltern durch volle Züge gehen. Gesichter Scannen, um sie alle übereinander zu legen, wie diese computergenerierten Bilder von statistisch ermittelten Gesichtsidealen, die schön, aber langweilig sind, sie müssen in einem bestimmten Aspekt von der Perfektion abweichen, damit sie wirklich schön sind. Wie viel fremder und unerreichbarer werden statistische Ideale, wenn Menschen verschiedenster Ethnien alltäglicher werden?

Dinge, Überlegungen, Menschen aufschreiben, um ihnen die Kraft zu nehmen, damit nicht sie einem die Kraft nehmen.

Die Musik von Nico, die Musik von Nico, die Musik von Nico.

Veröffentlicht unter Kritzeleien | Verschlagwortet mit , , , | 1 Kommentar

Open Mike 2010

Freitag nach Berlin gefahren, um mit Ulrike Draesner über meine Gedichte zu reden. Die Draesner ist eine coole Sau, mit scharfem Blick dafür, wo an Gedichten weiterzuarbeiten ist. Darum soll es hier aber gar nicht gehen. Es traf sich, dass genau an diesem Wochenende auch der Open Mike stattfand und ich in einem Zug mit Nicole saß, die mir das Versprechen abnahm, sie dort zu treffen. Ich schreibe einfach mal einen Blogeintrag darüber, erstens muss ich das doch irgendwann mal hinkriegen mit dem einigermaßen regelmäßigen Bloggen, zweitens vertreibe ich mir so die Zeit der Heimfahrt und die über einer Stunde Wartezeit am Hauptbahnhof.

(An dieser Stelle kein Aufregen darüber, dass um 18.33 und 19.37 Uhr der ICE nach Hildesheim fährt und ich natürlich 18.35 am HBF war. Kein Aufregen darüber, dass ich 80 Cent für die Benutzung eines stinkenden Klos ohne Klobrille bezahlt habe. Kein Aufregen darüber, dass der HBF so umständlich angelegt ist, dass man zwei Kilometer Fußweg hinter sich hat, ehe man eine Fahrkarte gekauft und einen Ort zum Sitzen gefunden hat, aber auch dann noch kein W-LAN.)

Natürlich hatte ich auch Texte eingereicht, natürlich wurde ich nicht eingeladen, natürlich ist es ärgerlich, zu hören, was für teilweise miserable Texte dort stattdessen gelesen wurden. Wie immer also.

Soll ich das Verfahren erklären? Nur kurz: Hunderte (es waren wieder mal etwa 700, das bekommt man während der ganzen Veranstaltung etwa dreimal pro Stunde gesagt, und sie dauert alles in allem über 10 Stunden) Junge Möchtegernschreiber schicken ihre Texte von 15 Minuten Vorlesezeit, über die Jahre wechselnde Lektoren angesehener Verlage tun, was Lektoren mit Skripten so tun: sie lesen sie. Modell ist das unverlangt eingesandte Manuskript eines Anonymen. Dass es in Wahrheit gar keine anonymen Manuskripte gibt, und dass unverlangt eingesandte Manuskripte Unbekannter so gut wie keine Chance haben, ernsthaft beachtet zu werden, wird geflissentlich ignoriert, man ist ja hier nicht der wirkliche Markt. Open Mike, das sind die Guten, will das vermitteln. Ob das stimmt, weiß ich nicht.
Lyrik wird von einem einzigen Lektoren gelesen, die Prosa ist auf 5 aufgeteilt, jeder wählt die 3 Texte, die er für die besten hält, aus. 20 Lesende, 5 Lyrik, 15 Prosa. Zwei Tage, 3 mal 4 und 2 mal 4 Lesende. Davor, danach, mittendrin und überhaupt riesiges Brimborium, Journalisten und Lektoren und Agenten und potentielle Autoren tun gegenüber einander so, als würden sie sich für Literatur interessieren. Dazwischen wuselt das gemeine Fußvolk wie ich herum und langweilt sich bei Lobes- und Dankes- und Vorstellungs- und was weiß ich nicht für Reden. Wahrscheinlich langweilen sich die professionellen Literaturverwerter dabei noch viel mehr, die tun sich derlei wahrscheinlich seit Jahrzehnten an. Vielleicht gewöhnt man sich auch mit der Zeit einen Modus Vivendi dafür an und lernt, derlei Reden zu genießen wie Ambient-Musik.

Man traf sich mal wieder in der Wabe, Samstag 14 Uhr, Eintritt frei, komplette Überfüllung, sogar die Sitzplätze auf dem Fußboden wurden einem in den Pausen geklaut, wenn man nicht darauf achtete. Sonntag schon um 12, es fehlte ein Drittel der Zuhörer, zur Preisverleihung nach 16 Uhr war die Wabe dann wieder gestopft.

Die Reihenfolge der Lesenden wird gelost, trozdem bleibt es ungebrochene Tradition, dass der erste Block Lesender höchstens unter realsatirischen Gesichtspunkten interessant ist, viel besser wurde es auch im zweiten nicht, ein Text von Jan Snela über einen als Einhorn verkleideten Mann, der an der Tankstelle 17 Liter Milch kauft (ganz lustig und mit vielen weiteren abwegigen Ideen und mit schön spielerischem Sprachgebrauch; bekam dann sogar einen Preis), sonst: Ausschuss.

Sondersituation Lyrik: 15 Minuten Lyrik am Stück sind zu viel, das weiß jeder, immer schon, es wird trotzdem seit Jahren nicht geändert. Lyriklektor dieses Jahres war Christian Döring, und er hat, ich weiß nicht, warum, miserabel ausgewählt, lauter Innerlichkeit (im schlechtesten Wortsinn, wenn das Wort überhaupt einen guten Wortsinn haben kann), Kitsch, Wörter wie Seele und Himmel (Es gibt keine Wörter, die man in Lyrik nicht benutzen darf, aber um Seele und Himmel zu rechtfertigen, müsste man Einiges an rhetorischem Geschütz auffahren), gehauchte Bedeutsamkeiten. Dazwischen ein lispelnder Schweizer, Levin Westermann, dessen Vortrag auch sonst recht seltsam war (über Sprachfehler bei Lyrikern müsste mal jemand arbeiten, ich kenne auch einen Stotterer, der hervorragend dichtet), der gewann dann den Lyrik-Preis, keine Ahnung, seine Gedichte „hatten“ immerhin „irgendwas“ (mehr bekam ich leider nicht mit, es war unmöglich, dem Vortrag dieser Gedichte zu folgen). Am zweiten Tag gab es dann noch einmal Lyrik, die in möchtegern-intellektuellen Aneinanderreihungen von technischen und philosophischen und anderen fachsprachlichen Wörtern bestand, also nicht wie Ulf Stolterfoht oder Ron Winkler oder Daniel Falb oder …, sondern schlecht gemacht. Kurz: Enttäuschend, nächstes Jahr bitte wieder ein Lyriklektor, der über Lyrik Gehaltvolleres sagen kann, als dass jeder Lyriker nur eine Stimme im Chor ist (jeden vortragenden Lyriker nannte er konsequent nicht Mensch, sondern Stimme, die Metapher vom Chor fiel in aller Peinlichkeit ganz unverblümt mindestens dreimal, vielleicht öfter, ich bin gut darin, so was zu verdrängen). Letztes Jahr hatte man Urs Engeler für den Job, die Gedichte, die der auswählte, waren vielleicht nicht berauschend, aber hatten wenigstens so etwas wie eine interessante Form, und es gab keine gar so schlimmen Ausreißer nach unten.

In der Jury saß ja auch Anja Utler, Hardcore-Lyrikerin, ihre Gedichtbände haben Titel wie „brinnen“ und „jana, vermacht“, man versteht kein Wort, soll man auch nicht, trotzdem versteht man sozusagen „etwas“, genug, um zu ahnen, dass es großartig sein müsste, wenn man die Zeit hätte, sich genauer damit zu beschäftigen. Und die musste sich den Herzschmerz- und Weltweisheit-Mist da anhören, die Arme. Sie saß größtenteils zurückgelehnt und reglos auf ihrem Stuhl und sah auf die Lesenden oder ins Publikum, und als sie kurz bei der Preisvergabe am Mikro stand: Was für eine Stimme! Ich hatte sie ja noch nicht vorher gehört, sie hat viele ihrer Gedichte auch mal eingesprochen, vielleicht kaufe ich mir so eine CD mal, das ist ja leider nicht die Art CD, die man im Internet gerippt findet.

[Warum hat man eigentlich nur

  • Dortmund – Düsseldorf – Köln (auch über Hagen und Wuppertal)
  • Köln – Frankfurt/M. Flughafen
  • Frankfurt/M. – Stuttgart – München
  • Frankfurt/M. – Hannover – Hamburg Hbf

Internet in den ICEs? Deutsche Bahn ist ein Arschloch.]

Weiter. Dritter Block, der letzte des Samstags, immerhin kein Text dabei, bei dem man sich die Ohren zuhalten mochte, langweilig waren sie doch, ich habe sie auch schon wieder vergessen, der einzige nachwirkende Text kam von einem DLL-Studenten, Janko Marklein, Jungen-Bande, Streiche, tote Tiere, Grausamkeit, erwachende Sexualität, bekanntes Sujet, aber großartig geschrieben, unglaublich klare Hauptsatz-Sprache, gute Bilder, viele Bilder, überhaupt: Viel und ideenreich erzählt auf dem engen Raum, im Grunde der einzige wirklich begabte Erzähler des gesamten Wettbewerbs, nicht ein langweiliger Satz in der Geschichte, und mehrere Wochen in 15 Minuten erzählt, ohne dass es auch nur einmal zu gerafft war, man kam sehr gut mit, plastische Landschaft, mit ganz wenigen Wörtern skizziert, treffende Szenen, motivische „rote Fäden“, die die Geschichte zusammenhielten. Dass diese Geschichte kam, hat mich mit dem Samstag versöhnt, und dass sie einen Preis bekam, mit dem gesamten Open Mike.

Überhaupt, die Preisvergabe ganz großartig, ein klares Signal: Hauptfiguren, die in ihrer Wohnung sitzen und nachdenken, reichen nicht; einzelne Szenen von Menschen mit einer Beziehung reichen nicht; schnell mal eine Geschichte, die man sich ausgedacht hat, aufzuschreiben, reicht nicht: um Literatur zu machen. Das ist langweilig, und es ist fast eine Frechheit, dass die Lektoren so was überhaupt zur Lesung anschleppen, und dass nicht einer mal einen wirklich experimentellen Text ausgesucht hat, die mit Preisen ausgezeichneten Texte waren noch diejenigen, die sich am weitesten von den Klischeevorstellungen, wie Literatur aussieht, entfernt hatten, und nicht einer davon überraschte mich noch in irgendeiner Weise. Die Mühlen des Literaturbetriebs mahlen langsam. Und nicht mal sonderlich fein.

Vom Hauptbahnhof Hildesheim zu mir nach Hause dauert es zu Fuß weniger als eine halbe Stunde. Mit meinem Gepäck kann ich den ganzen Weg aber nicht zu Fuß gehen. Also warte ich auf den Bus und werde erst in einer dreiviertel Stunde zu Hause sein. Hildesheim ist etwa so ein großes Arschloch wie die Deutsche Bahn. Mein Laptop hat Akku und ich habe The Velvet Underground auf den Ohren, hatte ich auch im Zug schon, der allgemeine Boswill der Welt ist mit Kopfhörern durchaus leichter zu ertragen. W-LAN ohne Passwort gibt es aber auch hier nicht.

Der zweite Tag lief sich etwas besser an als der erste, ein recht guter Text zum Anfang, der am Ende bei der Preisvergabe immerhin eine lobende Erwähnung bekam, und zwei Weltenbummler, einer auf Hoher see, einer in Australien, der auf Hoher See war ganz hörbar, aber keine Literatur, der in Australien war besser, Fleisch und Himmel, aber mir letztlich zu konventionell, na ja, recht gut im Vergleich zum Rest.

Letzte Gruppe: Sebastian Polmans fing an, der studiert ja auch hier in Hildesheim, ein Jahrgang über mir, hat aber vorher schon was studiert. Er las einen recht unkonventionellen Text vor und wurde dann auch mit dem Publikumspreis ausgezeichnet, heißt, seine Geschichte erscheint in der taz. Er schreibt sonst ganz anders (so weit ich weiß), kryptischer, mit leichtem Hang zum Surrealen, und mit sehr seltsamen Sätzen, irgendwie klangen seine Geschichten in meinen Ohren immer fremd, ich konnte das nie festmachen, es musste irgendwas in den Satzkonstruktionen sein. Hier jedoch schrieb er ganz erstaunlich verständlich, Richtung Stream of Consciousness, aber nicht so aufdringlich, wie man es ständig sieht, kurze Sätze, englische Zitate, unheimlicher Drive in den Sätzen, unheimlich gut gelesen. Ein Schwarzer beobachtet eine Nonne, während sie auf den Bus warten. Mehr nicht. Und trotzdem verfolgte man es alles gebannt. Ich weiß nicht, ob ich diese Entwicklung Sebastians begrüßen soll (und ob es überhaupt eine Entwicklung ist oder nur ein Exkurs), das muss er selbst wissen, was er will, es funktioniert jedenfalls.

Hm, das war es eigentlich, die Veranstalter haben sich schon genug selbst gefeiert, da muss ich nicht mitmachen. Die Preisverleihung war eben eine Preisverleihung, ich stehe ja nicht so auf Shows, Nervenkitzel ist trotzdem dabei, und am Ende freute ich mich hinreichend über die Auswahl, sagte ich ja schon, wohliges Gefühl also, wie wenn man gerade auf ebay ein Schnäppchen ersteigert (es fühlt sich an wie: erkämpft) hat.

Open-Mike-Preise gelten ja als Karriere-Beschleuniger, das ist dieses Jahr allen zu wünschen.

Tut mir leid, wenn ich hier etwas barsch mit sicher teilweise sehr intimen Texten umgehe, ich nehme mir das heraus als „einfacher Leser“, der keinen objektiven Kategorien zu genügen hat. Ich reagiere eben emotional auf Texte, und ich ärgere mich eben ganz ehrlich, wenn mich ein Text langweilt. Sicher gibt es auch Menschen, die genau anders herum denken und sich für die Kitsch-Texte begeistern, sollen sie machen, aber sollen sie es nicht Literatur nennen. Einzig Isabella Antweiler bitte ich, ganz und gar aufzuhören, zu dichten. Vielen Dank.

Veröffentlicht unter Rezeptionserfahrungen | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , | 9 Kommentare